25.11.2021 17:00 |

ÖBB suchen Personal

Einmal die Lok steuern, oder doch für immer?

Die ÖBB luden zum Tag der offenen Tür, die „Krone“ steuerte eine virtuelle Lok. Es zeigte sich unter anderem, dass die Nachtdienste sehr herausfordernd sind.

Zu siebt stehen wir in der engen Fahrerkabine, die Luft ist warm, ich höre das Summen und Brummen der Maschinen im Stand-by-Modus. Alle paar Momente habe ich das Gefühl, als würde die Lok beschleunigen, als würde der Zug abfahren. Aber er tut es nicht, er steht still. Wir in der Fahrerkabine bestimmen, wann wir abfahren. Besser gesagt tut das Lokführer Christoph Stock. Der 30-jährige gelernte Maurer kam im Jahr 2013 als Quereinsteiger zu den ÖBB. Er setzt sich auf einen der beiden Polstersessel, drückt routiniert ein paar Knöpfe, legt Hebel – die Bremsen und Geschwindigkeitseinstellung – um, tritt mit dem Fuß auf ein Pedal und die Lok zieht an. Mit 10.000 PS habe dieses 89-Tonnen-Fahrzeug eine bessere Beschleunigung als jedes Auto, sagt Christoph.

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Wenn ich früher in der Schule aus dem Fenster geschaut habe, dann hat mich die Lehrerin geschimpft. Heute werde ich für das Aus-dem-Fenster-Schauen bezahlt.

Christoph Stock

Allein mit Lok & Landschaft
Der 30-Jährige ist gern Lokführer. „Wenn ich früher in der Schule aus dem Fenster geschaut habe, dann hat mich die Lehrerin geschimpft. Heute werde ich für das Aus-dem-Fenster-Schauen bezahlt“, grinst er und fügt hinzu: „Aber du bist halt schon ganz alleine in der Lok. Handys oder so, das ist alles absolut verboten, auch der Radio würde viel zu sehr ablenken.“ Lediglich die Lok, die Landschaft und man selbst also.“

Das ist sicher nicht für jeden etwas. Dazu kommen womöglich nicht besonders angenehme Arbeitszeiten: Auch an Wochenenden und Feiertagen wollen Menschen mit dem Zug ans Ziel kommen, ebenso nachts. Immer bereit und immer zur Stelle – und verlässlich sowie auf die Minute pünktlich. Das sollte man sein. Dafür muss man nicht jeden Tag zur Arbeit, hat aufgrund langer Schichten auch mal länger frei. „Ich komme jeden Tag nach Hause“, erzählt Christoph außerdem. Er fährt etwa auf den Strecken Innsbruck-Wien, Innsbruck-Bregenz und Innsbruck-München. Beginnt ein Dienst in Innsbruck, endet er auch meistens in Innsbruck. Wenn nicht, übernachtet man in einem Hotel.

Versuch vor dem Simulator
Auch ich sitze inzwischen auf dem Polstersessel vor den zahlreichen Knöpfen und Hebeln. Allerdings nicht in dem 89-Tonnen-Gerät, sondern vor dem Lok-Simulator. Auf dem Bildschirm sehe ich weite, grüne Hügel, eine Kuh-Weide. Mit Müh und Not versuche ich, den vielen Anweisungen, die mir Christoph gibt, nachzukommen. Hier das Pedal runterdrücken, da die Geschwindigkeit einstellen, dort die drei verschiedenen Bremsen lösen. Virtuell tuckern wir los und rattern gerade durch einen kleinen, ländlichen Bahnhof, als die weibliche Stimme, die man aus den Zügen kennt, plötzlich „Sifa, Sifa, Sifa!“ (Sicherheitsfahrschaltung) schreit. Schnell muss ich ein Pedal drücken, ansonsten leitet das Zugsicherungssystem auf der Stelle eine Notbremsung ein. Auweh!

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Ich bereue die Entscheidung keinen einzigen Tag.

Christoph Stock

Die ÖBB suchen Personal
Alles nicht so einfach, wie gedacht, also. Die einjährige und bezahlte Ausbildung ist fordernd. Ganz klar. Man müsse sich reinhängen und durchbeißen, heißt es. Damit man in die Zukunft investieren könne. Im Endeffekt lohne es sich aber. „Ich bereue die Entscheidung keinen einzigen Tag“, sagt Christoph. Wahrscheinlich geht es seinen insgesamt 35 Tiroler Kolleginnen und Kollegen ähnlich – 16 davon sind Frauen. Und es sollen mehr werden. Die ÖBB wollen Frauen an Bord holen, suchen aber generell aktiv neues Personal, um Personalmangel aufgrund von Pensionierungen und Ausweitung des Angebots entgegenzuwirken. In Tirol suchen die ÖBB jährlich insgesamt 40 neue Lokführerinnen und Lokführer. Jeden Monat startet deshalb ein Kurs.

In den kommenden fünf Jahren brauchen die ÖBB in Tirol insgesamt 1900 neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in jeglichen Berufsgruppen. Österreichweit gehen in dieser Zeit 16.000 Menschen in Pension. Die Karrieretage sollen die Menschen zu einer Bewerbung bei den Österreichischen Bundesbahnen motivieren.

Christoph drosselt die Geschwindigkeit, zieht die Bremsen an, am Simulator war das entsprechende Leuchtzeichen erschienen. Der kleine Ausflug ist vorbei – und ich werde wieder zur Zug-Passagierin. Aber wer weiß: Vielleicht führt schon bald einer der Interessierten, die zum Karrieretag gekommen sind, einen Zug, in dem Sie oder ich sitzen.

Melina Mitternöckler
Melina Mitternöckler
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