18.04.2021 11:45 |

Ende für Nahversorger

Wenn s’Gschäftl kein Geschäft mehr ist

Wieder ist in Tirol ein kleiner Nahversorger von der Landkarte verschwunden. Warum waren in Hart im Zillertal 1600 Einwohner zu wenig zum Überleben? Eine Spurensuche mit traurigen Erkenntnissen und einer Hoffnung.

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Die Regale sind leer, die letzte Abrechnung ist gemacht, die Tür zugesperrt. Es war Anfang April ein trauriger Abschied für Astrid Steiner. Da können auch die Blumen und der Dankeskuchen von rührigen Stammkunden nicht darüber hinwegtrösten. Zehn Jahre hat die Zillertalerin in Hart „s’Gschäftl“ betrieben. Doch „Geschäft war es schon lange keines mehr“, konstatiert die 50-Jährige.

„Gekommen sind deshalb auch nicht mehr“
Ratlosigkeit, auch Bitterkeit schwingt in ihrer Stimme mit. Viel habe sie probiert, um 6 Uhr und früher für die Pendler aufgesperrt, bei Bedarf auch nach Hause geliefert, Aktionen veranstaltet, in der Zeit der pandemiebedingten Ausgangsbeschränkungen zusätzlich Gemüse, Obst, Salate und andere frische Waren besorgt, damit die Dorfbewohner auf möglichst wenig verzichten müssen. „Gekommen sind deshalb auch nicht mehr“, kann die Geschäftsfrau vielen Einheimischen diesen einen Vorwurf nicht ersparen.

„Da entstehen Freundschaften“
Gleichzeitig tut es ihr um ihre Stammkunden leid – zu wenige fürs Auskommen, aber sehr treue Seelen. Viele ältere Menschen, die keine 23 Wurst- und Käsesorten zur Auswahl brauchen. Für die es lieber ein bisschen mehr bei der persönlichen Bedienung sein darf. Mit vielen von denen habe sie mehr als nur das Geschäftliche verbunden, erzählt Steiner. „Da entstehen Freundschaften.“ Doch so traurig es ist: Der Greißlerin starben die Kunden weg.

„Das muss es doch in so einem Ort tragen“
Regelmäßig einkaufen war auch Bürgermeister Hans Flörl. Der Ladenschluss in Hart hat auch ihn getroffen. „Wir sind ja keine kleine Gemeinde. 1600 Einwohner, da muss es doch ein Geschäft tragen“, versteht der Ortschef die Welt nicht mehr. Aber er versteht, dass Astrid Steiner einen Schlussstrich ziehen musste. „Es nützt ja nichts, wenn du davon nicht leben kannst.“

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Es macht schon nachdenklich, dass eine Gemeinde mit 1600 Einwohnern kein eigenes Geschäft mehr hat. Hart ist eine weit verstreute Siedlung. Wer einmal ins Auto steigt, fährt gleich nach Fügen zu den großen Geschäften. Das ist wohl ein Grund für das Ende.

Bürgermeister Hans Flörl

Doch was macht den Greißlern das Überleben so schwer? „Hart ist eine weit verstreute Siedlung. Wer einmal ins Auto steigt, fährt gleich nach Fügen zu den großen Geschäften, weil dort die Auswahl größer ist“, spricht Bürgermeister Flörl einen Umstand an, der in vielen Dörfern gilt. Stefan Mair, Vertreter des Lebensmittelhandels in der Tiroler Wirtschaftskammer, nennt einen weiteren Aspekt: „Mit Auswahl können Kleine nicht punkten. Also müssen sie etwas Spezielles wie regionale Produkte anbieten.“ 

Hoffen auf Neustart mit anderem Schwerpunkt
In diese Richtung denkt der Ortschef. Er möchte die Sennereigenossenschaft dazu bewegen, das Geschäft „als Marktplatz für regionale bäuerliche Produkte“ zu betreiben. Und wie sieht Astrid Steiner ihre Zukunft: „Eigentlich wollte ich im Geschäft in Pension gehen. Jetzt brauch ich einen Plan B.“ Eine Pause will sie sich gönnen. Nach zehn Jahren mal richtig Urlaub machen.

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