18.02.2021 17:00 |

Erste Bilanz

Kassen-Fusion: „Nicht alles ist zentral machbar“

Vor einem Jahr wurden die Gebietskrankenkassen zur Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK) fusioniert. Was haben die Tiroler davon? Was wurde aus dem Projekt Primärversorgungszentren? Und was ist eine E-Visite? Ein Gespräch mit ÖGK-Vizeobmann Andreas Huss und Werner Salzburger, Vorsitzender des Landesstellenausschuss Tirol.

„Krone“: Herr Huss, Herr Salzburger. Vor einem Jahr ist die Tiroler Gebietskrankenkasse mit den anderen Landes-Kassen zur Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK) verschmolzen? Seither hört man in Tirol wenig bis nichts mehr von den Primärversorgungszentren, die als Ergänzung zur hausärztlichen Versorgung gedacht sind. Braucht es die jetzt nicht mehr?
Huss: Das Projekt läuft. Und das Konzept ist stimmig, weil die Bevölkerung in den Primärversorgungseinrichtungen neben Ärzten auch Pflegekräfte, Therapeuten und Sozialberater konsultieren können. Andere Bundesländer sind aber wesentlich weiter als Tirol. Zum Beispiel Oberösterreich, wo es bereits sechs Primärversorgungszentren gibt. In Tirols steht die Ärztekammer auf der Bremse.
Salzburger: Die Verhandlungen mit der Ärztekammer laufen. Wir orten in den Regionen - bei den Ärzten vor Ort - Offenheit für diese Zentren. Bis 2022 wollen wir sieben Standorte in Tirol haben. In einigen Regionen sind wir in den Verhandlungen schon recht weit.

Geht sich das bis kommendes Jahr wirklich aus?
Salzburger: Ich bin zuversichtlich, dass sich das ausgehen wird. Wenn ein Zentrum einmal läuft, werden weitere rasch folgen, weil die Ärzte sehen werden, dass es funktioniert und auch für sie eine Entlastung bedeutet.

Sie beide waren Kritiker der Kassenfusion. Hat das erste Jahr ÖGK Ihre Einstellung verändert?
Huss: Sagen wird so: Wir finden uns noch. Die gemeinsame Kasse ist eine Realität, der man sich stellen muss. Wichtig ist, dass Entscheidungskompetenzen in den Ländern erhalten bleiben. Nicht alles ist zentral machbar. Man kann den Finanzbereich, die Beitragsprüfung oder die Organisation der 11.000 Mitarbeiter zentral steuern, aber die Versorgung, die Zusammenarbeit mit den Ländern und Ärztekammern muss vor Ort entschieden werden können. An eines werde ich mich als Arbeitnehmervertreter nie gewöhnen: Die Beiträge der ÖGK haben die Arbeitnehmer erwirtschaftet, doch die Hälfte der Sitze besetzen Arbeitgeber. Das ist problematischer als die Fusion. Unser Anspruch ist es, wieder Herr in der eigenen Kasse zu sein und mehr als 50 Prozent der Sitze durch Arbeitnehmervertreter zu besetzen. In der Sozialversicherung der Selbstständigen bestimmen ja auch die Arbeitgeber.

Das Corona-Jahr 2020 war auch für die ÖGK fordernd. Weiß man schon, wie hoch das Minus sein wird?
Salzburger: In Tirol sind die Beiträge durch die überdurchschnittlich hohe Arbeitslosigkeit besonders stark zurückgegangen.
Huss: Die hohen Einnahmenverluste wurden nur dadurch teilweise kompensiert, dass die Menschen weniger zum Arzt gegangen sind und in der Folge die Ausgaben nicht – wie prognostiziert – gestiegen sind. Im Mai liegt die endgültige Bilanz auf dem Tisch. Doch es schaut so aus, als würde das Minus geringer werden als noch vor ein paar Monaten befürchtet. Die Hoffnung ist berechtigt, dass das Minus kleiner als 100 Millionen Euro wird.

Was bringt die Zukunft? Welche großen Veränderungen stehen neben den dringend notwendigen Anpassungen in der hausärztlichen Versorgung im Gesundheitsbereich noch an?
Salzburger: Die Digitalisierung gehört - wie in vielen Bereichen - zu den entscheidenden Themen.
Huss: Der elektronische Impfpass ist schon Realität. Jede neue Impfung wird dort eingetragen. Was noch fehlt, ist die Übertragung der bisherigen Immunisierungen. Wir erhoffen uns dadurch auch eine höhere Impfbereitschaft, weil das System jedem Versicherten einen guten Überblick verschafft und ihn an wichtige Impfungen erinnert.

Das elektronische Rezept ist seit Ausbruch der Pandemie stark gefragt.
Huss: Ja, aber da ist noch Luft nach oben. Ziel ist es, dass der Arzt im Bedarfsfall mit der Apotheke Kontakt aufnimmt und der Versicherte mit der E-Card sein Medikament direkt abholen kann. Das ist zum Beispiel für chronisch Kranke eine große Erleichterung, weil sie nicht für jedes Folgerezept zum Arzt müssen.

Auch von einer elektronischen Visite ist die Rede. Viele fürchten, dass dadurch der Kontakt Arzt und Patient verloren geht.
Huss: Ganz im Gegenteil. Die elektronische Visite schafft zusätzliche Möglichkeiten des Kontakts. Sinnvoll ist sie etwa bei diversen Kontrollterminen mit Patienten, die der Arzt bereits gut kennt. Da sind nicht immer Untersuchungen notwendig, aber ein Gespräch. Und das lässt sich elektronisch oft einfacher organisieren. In Salzburg und Oberösterreich haben wir schon die entsprechenden Verträge für die E-Visite abgeschlossen. Mit Wien und Vorarlberg wird gerade verhandelt. Wir hoffen, dass Tirol und anderen Bundesländern auch bald dabei sind.

Claudia Thurner
Claudia Thurner
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