20.09.2020 09:00 |

Nur 43 Einwohner

Willkommen in der steirischen Waldstadt, Mr. Trump

Nicht alle Österreicher leben im Wald - vermutlich zur Enttäuschung von US-Präsident Donald Trump, der das vor Kurzem sinngemäß behauptet hat. Wir haben die steirische „Waldstadt“ trotzdem gesucht - und mit Gstatterboden im Gesäuse gefunden.

Sobald das Wort „Waldstadt“ fällt, kommt es wie aus der Pistole geschossen: „Gstatterboden“. Sprecher Andreas Hollinger ist sich sicher: Das kann nur die „Hauptstadt“ des Nationalparks Gesäuse sein. Also machen wir uns auf den Weg, über die Autobahn, über den Präbichl, vorbei am Erzberg, durch Schluchten zwischen steilen Berghängen, entlang mystischer Stauseen, über denen der Nebel hängt.

„Viele Holzknechte, Eisenbahner, Hoteliers“
Gstatterboden hat 43 Einwohner und gehörte früher zur Gemeinde Weng im Gesäuse, seit 2015 zu Admont. Reini Reichenfelser wurde hier geboren. „Ich war das erste Kind, das 1963 in der Kapelle getauft wurde“, sagt er und zeigt auf das Gebetshaus, das über der Siedlung thront. „Aufgewachsen bin ich da hinten am Jagdhaus, mein Vater war Jäger“, erzählt er. „Beim Preisrodeln Ende der 60er-Jahre waren einmal 56 Kinder dabei. Damals hat es viele Holzknechte, Eisenbahner und Hoteliers gegeben - die brauchst du heute nicht mehr.“

Damals war Gstatterboden ein touristischer Hotspot, wie Andreas Hollinger erklärt. „Die Kronprinz-Rudolfs-Bahn war der Grund, wieso der Alpinismus touristisch geworden ist. Man ist vor 130 Jahren mit dem Zug direkt von Wien hierhergekommen - leichter, als das heute ist.“

Pensionisten und ein paar Familien
Auch heute gibt es im Nationalpark noch genügend Gäste, vor allem in diesem Corona-Sommer. Aber auf den Schienen wird nur noch Eisenerz transportiert. „Die meisten, die hier leben, sind Pensionisten - und ein paar Familien, die bei den Landesforsten im Nationalpark arbeiten“, sagt Hollinger und blickt auf die kleinen Holzhäuser. „Es ist ja von den Holzhütten her wie ein Almdorf.“

„Die Natur soll machen, was sie will“
Der Nebel bedeckt an diesem Tag die Berge, im Tal fällt leichter Regen. Es riecht überall nach Wald. „Das Gesäuse steht als einziger Nationalpark in der Steiermark für Wildnis. Es ist unnahbar und heroisch“, erklärt Hollinger, als wir eine Schotterstraße entlangwandern. „Wir verstehen uns als heilige Erde.“ Aus der Natur wird hier kein Profit erwirtschaftet. Umgeknickte Bäume bleiben liegen. „Die Natur soll machen, was sie will.“

Keine Waldbrände wie in Kalifornien
Also, nun die wichtigen Fragen: Gibt es in Österreich wirklich explosive Bäume? „Nein“, lacht Hollinger. Einen verheerenden Waldbrand wie derzeit in Kalifornien hat es hier noch nie gegeben. Aber wieso eigentlich? „Wir haben hier 1500 Millimeter Niederschlag im Jahr, das ist viel. Du brauchst nur den Boden anzuschauen, der ist nicht trocken“, erklärt Hollinger.

Und es gibt noch einen weiteren Grund: „Es gibt in Österreich nicht so viele Bäume, die viele ätherische Öle enthalten.“ Das bedeutet: je mehr Öle, desto besser brennbar. „Das kannst du dir vorstellen wie einen Christbaum im Februar, der Feuer fängt.“

Klimawandel bedroht die steirischen Wälder
Entwarnung gibt es trotzdem nicht. „Auch bei uns wird die Gefahr von Bränden wegen des Klimawandels zunehmen - und wir haben kaum Erfahrung damit.“ Ein klimafitter Wald ist einer, in dem es viele verschiedene Arten gibt. „Diversität ist die Hauptstrategie der Natur.“

Und die Menschen, die hier inmitten des Waldes wohnen - sind sie glücklicher? Davon ist Andreas Hollinger überzeugt. „Wahrscheinlich sollten wir alle den Rat von Herrn Trump befolgen und ein bisschen mehr zu Waldmenschen werden.“

Hannah Michaeler
Hannah Michaeler
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