23.08.2020 10:00 |

Das große Interview

„Wollte Bilder wie in Bergamo verhindern“

Die „Krone“ traf Landeshauptmann Günther Platter im herrlichen Garten des „Isserwirtes“ in Lans zum Sommergespräch. Das stand natürlich ganz im Zeichen von Corona.

Krone: Herr Landeshauptmann, wir beginnen mit dem Thema, das uns seit März beschäftigt bzw. extrem belastet: Corona. Nun steigen die Infektionszahlen bekanntlich wieder. Ist das Land für eine mögliche zweite Welle im Herbst gerüstet?
Günther Platter: Zuerst zu den steigenden Zahlen in Tirol: Die sind aktuell auf zwei größere Cluster zurückzuführen. Zum einen auf den Kulturverein Somalia, zum anderen auf die Kroatien-Rückkehrer. Diese Cluster haben wir mittlerweile im Griff. Aber um die Frage zu beantworten: Wir, das Land Tirol, sind gut vorbereitet. Wichtig ist aber, dass wir bei den Tests und deren Auswertung noch schneller werden. Wir werden die Schlagzahl erhöhen und noch mehr testen. Dafür wird es auch personelle Aufstockungen, beispielsweise in den Bezirkshauptmannschaften, geben. Denn das Virus ist weiterhin unter uns und im Herbst kommt mit Sicherheit eine Grippewelle. Darauf werden wir vorbereitet sein.

Man hört, dass auch die Labore, die die Tests auswerten, überfordert seien. Was kann man seitens des Landes tun?
Wir sind gerade dabei, weitere Testkapazitäten zusätzlich zu den bereits bestehenden Laboren zu organisieren. Wir müssen da, wie bereits gesagt, noch schneller werden.

Gibt es im Falle des Falles genügend Schutzausrüstung und Masken in Tirol?
Ja. Wir waren auch im April die ersten, die Material bekommen haben – auch dank der hervorragenden Kontakte von Dr. Alois Schranz. Für die kommenden Wochen sind wir bestens ausgerüstet.

Würden Sie in der aktuellen Situation außerhalb Tirols einen Urlaub machen?
Ich würde niemandem vorschreiben, seinen Urlaub in Tirol zu verbringen. Aber aus persönlicher Erfahrung kann ich sagen, dass man in unserem Land einen wunderschönen Urlaub genießen kann.

Apropos Urlaub: Wie ist die Corona-Sommersaison bisher in Tirol verlaufen?
So wie ich haben auch viele andere Tiroler gedacht und haben Urlaub im eigenen Land gemacht. Die Juli-Bilanz kann sich in Anbetracht der Situation sehen lassen: wir hatten fünf Millionen Nächtigungen, im Juli des Vorjahres waren es 5,6 Millionen. Viele wollten den Sommer am Beginn der Pandemie schon abschreiben, ich habe zum Optimismus aufgerufen. Das hat gefruchtet, der Tourismus im Land floriert, vom Städtetourismus abgesehen.

Sind Sie auch, was den Herbst und Winter betrifft, so optimistisch?
Der Goldene Herbst hat in Tirol immer eine Rolle gespielt – wegen der schönen Landschaft, der Berge, Seen und der Wettersicherheit. Ich bin zuversichtlich, dass es eine gute Saison wird. Auch dem Winter sehe ich optimistisch entgegen. Wir werden aber einige Vorkehrungen treffen müssen.

Woran denken Sie?
Man wird Rahmenbedingungen ändern müssen. Das Skifahren an und für sich wird nicht das große Problem sein. Es geht da primär um Indoor-Veranstaltungen. Après Ski in der gewohnten Form wird es daher nicht mehr geben. Zumindest so lange nicht, bis wir einen Impfstoff haben. Da braucht es jedoch eine bundeseinheitliche Regelung, die dann zum Beispiel auch für Discos und Bars in Wien gelten muss. Bei Einschränkungen müssen die Betriebe aber natürlich finanziell entschädigt werden. Was wir in Zukunft nicht mehr brauchen, sind Gäste, die mit Bussen für ein paar Stunden nach Tirol gekarrt werden und dann ausschließlich Après Ski machen, ohne Ski zu fahren, und in der Nacht wieder heim fahren. Da braucht es unbedingt ein Umdenken. Ischgl zum Beispiel ist da bereits mit gutem Beispiel vorangegangen und hat neue Leitlinien erstellt.

Wird es einen zweiten Lockdown geben?
Nein. Das würden wir auch rein wirtschaftlich gar nicht mehr aushalten.

Was war ausschlaggebend, dass Sie zu einem Zeitpunkt, als es eigentlich noch gar nicht so viele Fälle im Land gab, die Saison abgebrochen und Tirol unter Quarantäne gestellt haben?
Die Entscheidung habe ich in dieser entscheidenden März-Woche nach mehreren Gesprächen mit befreundeten Ärzten vom Krankenhaus Zams getroffen. Denen ist nämlich damals schon das Wasser bis zum Hals gestanden, die Intensivbetten waren voll. Da hatte ich dann die Bilder von den vielen Toten in Bergamo vor Augen. Und das wollte ich verhindern.

Im Nachhinein gab es Kritik, dass man zu spät gehandelt habe. Wie sehen Sie das aus heutiger Sicht?
Natürlich sind wir im Nachhinein gescheiter. Es gab da drei Phasen: Zuerst jene, in der die Kritiker gesagt haben, dass wir zu früh dicht gemacht haben. Dann jene, in der es hieß, dass wir zu spät reagiert hätten. Und in der jetzigen, dritten Phase behaupten nun dieselben, dass das alles überhaupt nicht notwendig war.

Was war für Sie die schwierigste Corona-Entscheidung?
Tirol zu isolieren und unter Quarantäne zu stellen. Da habe ich körperlich eine innere Spannung verspürt, die sich erst wieder gelöst hat, als die Quarantäne wieder aufgehoben wurde. Aber es war ein richtiger und notwendiger Schritt.

Die Pandemie hat natürlich auch massive Auswirkungen auf das Landesbudget. Es wird heuer nach zwölf Jahren erstmals kein Nulldefizit mehr geben. Können wir uns all die Maßnahmen leisten?
Wir müssen uns das leisten. Wobei ich zu behaupten wage, dass Tirol nach der Krise finanziell besser dastehen wird als manch andere Bundesländer vor der Krise – nicht zuletzt wegen unserer sparsamen Budgetpolitik der letzten Jahre. Im Übrigen gehe ich davon aus, dass wir in vier bis fünf Jahren wieder ein Nulldefizit schaffen. Jetzt müssen wir Geld zur Belebung der Konjunktur bereit stellen, damit sich die Wirtschaft und das Land so rasch wie möglich erholen und die Menschen wieder Beschäftigung haben.

Wie lange wird uns Corona noch beschäftigen?
Ich hoffe, dass es im kommenden Jahr einen Impfstoff gibt. Und zwar einen, von dem wir die Nebenwirkungen kennen.

Sind die für eine Corona-Impfpflicht?
Zuerst brauchen wir einen verlässlichen Impfstoff. Dann appelliere ich an alle, sich impfen zu lassen. Ich bin gegen eine Impfpflicht, werde mich aber auf jeden Fall impfen lassen.

Wird Corona zu personellen Änderungen in der Landesregierung führen?
Nein. Ich habe eine Linie, von der ich mich durch Zurufe von politischen Mitbewerbern und Kommentatoren sicher nicht abbringen lasse. Ich sehe derzeit keine Notwendigkeit, die Regierung umzubilden. Wir haben die größte Krise seit 1945 zu bewältigen. Da sind Personaldebatten fehl am Platz. Dafür hat die Bevölkerung kein Verständnis.

Sind die Grünen nach wie vor der beste Koalitionspartner für die Tiroler VP?
Ja. Ich kann mich auf die Grünen verlassen, bei allen Meinungsunterschieden ist das eine stabile Regierung. Und ganz wichtig: Wir streiten nicht in der Öffentlichkeit, sondern arbeiten für Land und Menschen.

Claus Meinert
Claus Meinert
Markus Gassler
Markus Gassler
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