23.08.2020 09:00 |

Ruhe wirkt positiv

Stillen wird durch weniger Besucher erleichtert

Auf der Mutter-Kind-Station der Innsbrucker Klinik ist derzeit nur ein Besucher pro Tag erlaubt. Die Mütter profitieren von dieser Ruhe so sehr, dass eine generelle Besuchrechtseinschränkung im Raum steht.

Die Corona-Krise und der damit verbundene „Lockdown“ hatten Auswirkungen auf fast jeden Lebensbereich. Selbst frischgebackene Mütter waren von den Einschränkungen nicht ausgenommen – ganz zu Beginn des „Lockdowns“ hatten nicht einmal Väter nach der Geburt ein Besuchsrecht. Oberärztin Angela Ramoni, Verantwortliche der Geburtshilfe, schildert: „Die Klinik musste vor dem Virus geschützt werden,um die Patientenversorgung sicherzustellen. Diese Zeit war für die Eltern sehr belastend.“ Glücklicherweise wurde die Regel nach zwei Wochen wieder aufgehoben. Derzeit ist es so, dass der Vater wieder ständiges Besuchsrecht hat – ansonsten darf aber nur ein anderer Besucher pro Tag empfangen werden. Diese Handhabung wird von den Müttern in vielerlei Hinsicht befürwortet.

Besuch verursacht Stress
Denn mehrere Besuchergruppen am Tag verursachen Stress. „Die Frauen genießen die Ruhe auf der Mutter-Kind-Station“, weiß Ramoni aufgrund zahlreicher Rückmeldungen. Die Folge: „Es gibt weniger Probleme beim Stillen.“ Doch ein positiver Effekt, der zum Beispiel aus Amerika berichtet wird, blieb aus: Die Anzahl der Frühgeburten vor der 28. Schwangerschaftswoche ging im Zeitraum zwischen Anfang März und Ende Mai nicht zurück. Im Vorjahr waren es sechs Kinder - halb so viele wie im Jahr 2018. Heuer wurden sieben Frühchen in diesem Zeitraum geboren.

Viele Gründe für Frühgeburt
Die Gründe für eine Frühgeburt sind vielfältig: Infektionen, eine erbliche Veranlagung oder Mehrlinge sind nur ein paar. Auch Stress kann eine Rolle spielen. Ramoni erklärt: „Erhöht sich der Blutdruck, kann sich die Durchblutung der Gebärmutter verschlechtern.“ Die Beobachtung in den USA könne eventuell mit dem Mutterschutz zusammenhängen: Dieser tritt dort erst bei der Geburt in Kraft. Doch durch den Rückzug wegen Corona waren viele Mütter schon vor der Geburt weniger Stress ausgesetzt – wie es in Österreich schon seit Jahren der Fall ist.

Einschränkung der Besucher angedacht
Doch eine definitive Antwort gibt es leider nicht. Laut Ramoni ist bei etwa 40 Prozent der Frühgeburten keine klare Ursache auszumachen. Außerdem gäbe es bei der Präeklampsie (früher „Schwangerschaftsvergiftung“) noch durchaus Forschungspotenzial. Doch zumindest eine Erkenntnis brachte die Corona-Zeit: Weniger Besucher wirken sich positiv auf das Stillen aus. Das soll nicht umsonst gewesen sein, wie Ramoni andeutet: „Wir denken darüber nach, auch nach Corona die Besuchszeiten für weniger nahe Bekannte einzuschränken.“ 


Daten und Fakten

  • Jährlich kommen in Tirol ungefähr 7300 Kinder zur Welt, Tendenz leicht steigend.
  • Eine normale Schwangerschaft dauert 40 Wochen - jede Geburt vor der 37. Woche gilt offiziell als Frühgeburt.
  • Insgesamt werden in Tirol etwa 400 Kinder jährlich als Frühgeburt vor der 37. Woche geboren. Österreichweit beträgt die Gesamtrate ungefähr 8 Prozent.
  • Ab der 24. Woche überleben bereits manche Kinder, aber oft noch mit schweren bleibenden Schäden. Dazwischen erhöht sich die Zahl der Überlebenden und das Gesundheitsrisiko nimmt von Woche zu Woche ab.
  • Ab 34 Wochen sind die Risiken für bleibende Schäden schon zu vernachlässigen, ein Inkubator (Brutkasten) ist aber meist trotzdem noch notwendig.

Bindungsanalyse als zusätzliche Stütze
Psychologin Evelina Cordalija ist auf vorgeburtliche Bindungsförderung spezialisiert - ihre „Praxis für Familienpsychologie“ hat den Sitz in Innsbruck. Die „Tiroler Krone“ hat mit ihr gesprochen.

Krone: Was ist ihr Spezialgebiet?
Cordalija: Bei der Bindungsanalyse handelt es sich um eine relativ neue Form der Schwangerschaftsbegleitung. Sie ist empfehlenswert bei Erstgeburten, für Risikopatienten und für Frauen, die traumatische Geburten erlebt haben. Ängste kommen bei der ärztlichen Behandlung oft zu kurz - die Bindungsanalyse fängt sie auf und dient als Stütze zur medizinischen Behandlung. Sie ist jedoch keine Psychotherapie.

Wie laufen die wöchentlichen Sitzungen ab der 20. Schwangerschaftswoche ab?
Ziel ist eine sichere Bindung zum Kind auf emotionaler Ebene. Dazu wird das Bindungsverhalten zu den eigenen Eltern analysiert. Die Sitzungen beginnen mit Gesprächen und werden durch mentale und entspannende Übungen ergänzt. Die Schwangeren werden auch auf die Geburt vorbereitet.

Gibt es bewiesene Effekte?
Internationale Erfahrungsberichte bei über 7000 begleiteten Frauen zeigten, dass die Bindungsanalyse einen positiven Verlauf der Schwangerschaft und der Geburt sowie die Qualität der Eltern-Kind-Bindung fördert. Die Rate der Frühgeburten, Kaiserschnitte und Depressionen war bei der Evaluierung niedriger als bei nicht begleiteten Schwangeren. Eltern berichten zudem häufiger von einer guten, emotionalen Abstimmung mit dem Kind.

Beeinflusste die Corona-Krise die Psyche der Mütter?
Seit Beginn der Pandemie leiden viele Schwangere an Angstzuständen in Zusammenhang mit der bevorstehenden Geburt. Während des Lockdowns wurden die Klientinnen per Videofonie begleitet. Die Bindungsanalyse wirkte entlastend und förderte das Wohlbefinden.

Mirjana Mihajlovic
Mirjana Mihajlovic
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