01.03.2020 12:57 |

Schlagfertig

Das Gift der Unbarmherzigkeit

Wenn Sie jetzt die ersten Zeilen meiner Kolumne lesen, bitte ich Sie, nicht gleich weiterzublättern. Ich weiß, wir alle haben von diesem Thema in den vergangenen Jahren schon so viel gehört und gelesen. Es ist Teil unseres Lebens geworden, Routine, brutale Normalität. Und trotzdem, oder gerade deswegen. Es gibt derzeit Schauplätze, an denen sich unfassbares Leid abspielt. Menschen verhungern und erfrieren, Kinder werden beim Spielen in Stücke gerissen, Mütter weinen um ihre Töchter und Söhne, Väter tragen ihre kleinen Liebsten zur letzten Ruhe.

Im syrischen Idlib passieren Gräuel, die mit Worten schwer zu fassen sind. Syriens Luftwaffe bombardiert ihre eigene Bevölkerung. Ohne Rücksicht werden Schulen, Krankenhäuser, Spielplätze unter Beschuss genommen. Die Zivilbevölkerung wird malträtiert. Kinder verlieren Arme und Beine, erblinden, werden von Bombensplittern zersiebt.

Russland und auch die Türkei täuschen Aktivität zum Wohle der Bevölkerung vor und verfolgen doch nur schamlos ihre Eigeninteressen. Trumps Amerikaner sind abgehauen und die Europäer stehen wieder vor dem Scherbenhaufen ihrer Außenpolitik.

Schauplatzwechsel zum Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos, Europa: Dort leben 8000 Flüchtlingskinder unter furchtbaren Bedingungen.

In dem für 3000 Menschen ausgelegten Lager sind derzeit mehr als 21.000 Insassen untergebracht. Dort frieren Kinder, bekommen viel zu wenig zu essen und hausen, viele unbegleitet von ihren Eltern, unter hygienisch unzumutbaren Zuständen in Zelten. Keine Schule, kein sauberes Wasser, Kälte, Krankheiten, Müllberge. Und über allem die niederschmetternde Gewissheit, von der europäischen Politik vergessen worden zu sein.

Vor einigen Jahren, da war ich selbst noch nicht Vater eines Sohnes, habe ich diese Nachrichten zwar wahrgenommen, aber nicht zu sehr an mich rangelassen. Das ist heute anders. Ich habe einen neunjährigen Sohn und der Gedanke, dass er selbst in diesen Zuständen überleben müsse, macht mich rasend.

Vor Konzerten versuche ich nichts davon zu hören oder zu lesen, zu groß ist die Gefahr, in einer Mischung aus Frustration, Wut und Trauer meine Instrumente kurz und klein zu schlagen. Das wirklich Schockierende aber ist: Wir haben diese gefühllose, kalte und abstoßende Politik selbst erschaffen. Wir haben das gewählt.

Für Europas Politiker wäre es ein Leichtes, 8000 Kindern zu helfen. Denken wir nur daran, wie schnell 2008 mit Milliardenbeträgen Europas Banken gerettet wurden. Jetzt aber trauen sich Europas Politiker nicht zu handeln. Offenbar im festen Glauben, dass wir Wähler diese kalte, unmenschliche Politik genau so wollen. In einem Zusammenspiel aus Teilen der Öffentlichkeit wurde das Gift der Unbarmherzigkeit eingeträufelt. Machen wir uns nichts vor: Würde Europas Politiker die Angst treiben, aufgrund ihrer Tatenlosigkeit die nächste Wahl zu verlieren, wäre den dahinvegetierenden Menschen längst geholfen. Aber lieber bespielen die ihre Kanäle auf Instagram, Facebook und Twitter mit Hochglanz-Bildchen und reden irgendwas von Schutz und Hilfe.

Sebastian Kurz lässt uns oft wissen, dass Österreich eine starke Stimme in Europa habe. Warum also diese nicht für Menschenleben einsetzen, Herr Bundeskanzler?

Mit der Politik der Niedertracht unter Türkis-Blau hatten wir uns fast schon abgefunden. Vom jetzigen Koalitionspartner, den Grünen, erwarte ich mir anderes. Herr Vizekanzler Kogler, die Koalitionsräson darf hier keine Rolle spielen. Erheben Sie Ihre Stimme und tun Sie etwas!

Wenn wir heute unsere Kinder aus dem warmen Bett holen, neben ihnen in der Kirche sitzen, beim Mittagessen lachen, mit ihnen das Fußballspiel unserer Lieblingsmannschaft ansehen und beim Vorlesen der „Gute-Nacht“-Geschichte unsere Augen nicht von Ihnen abwenden können, sollten wir daran denken, dass wir eine Stimme haben.

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