21.01.2020 11:30 |

1500 Stellen offen

Lehre: „Chancen sind heute so gut wie nie zuvor“

Lehre oder weiterführende Schule? Tausende Tiroler Jugendliche müssen diese Entscheidung in den nächsten Wochen treffen. Sabine Platzer-Werlberger vom AMS Tirol über 1500 offene Lehrstellen, die Image-Frage und Jugendliche, die keinen Ausbildungsplatz finden.„Chancen sind heuteso gut wie nie zuvor“

Frau Platzer-Werlberger, Sie sind als stellvertretende Landesgeschäftsführerin im Arbeitsmarktservice (AMS) Tirol für den Lehrlingssektor zuständig. Die Betriebe buhlen offensiv um Jugendliche. Ist das Angebot wirklich so groß wie es scheint?

Im Jänner und Februar verzeichnen wir Höchststände. Derzeit sind knapp 1500 Lehrstellen bei uns gemeldet. Bis Anfang Februar rechnen wir mit einem Anstieg auf rund 1900. Wir können Jugendlichen einen guten Gesamtüberblick verschaffen. Die Chancen sind so gut wie nie. 90 Prozent der Betriebe melden ihre Lehrstellen bei uns.

Wird den Jugendlichen auch Berufsvielfalt geboten, oder konzentriert sich alles auf wenige Branchen?

Rund 150 von 200 in Österreich definierten Lehrberufen werden in Tirol ausgebildet (siehe auch Grafik). Die Vielfalt hat in den vergangen Jahren deutlich zugenommen. Aber natürlich sind einige Branchen überdurchschnittlich stark vertreten, weil sie eben prägend für Tirol sind. Von den aktuellen Angeboten kommen 27 Prozent aus dem Tourismus, 25 Prozent sind Metall- und Elektroberufe, 22 Prozent aus dem Bereich Handel und Verkehr.

Politik und Wirtschaft sind um eine Imagepolitur der Lehre bemüht. Greift die Charmeoffensive?

Wir orten eine Aufwertung dieser so bedeutenden Ausbildungsschiene. Wichtiger als die Werbung ist aber das Bemühen der Firmen um gute Weiterbildungsmöglichkeiten. Wenn Lehrbetriebe den Jugendlichen als Lockangebot den Führerschein bezahlen, ist das eine nette Idee. Entscheidend sind andere Angebote! Einige Firmen sind da sehr kreativ: Sie bieten ihren Lehrlingen Sprachferien, Rhetorikkurse, Begabtenförderung und Nachhilfe, wenn es notwendig ist. Wir müssen die Jugendlichen davon überzeugen, dass die Lehre keine Sackgasse ist und dass ihnen bis hin zum Studium alle Wege offen stehen. Die Möglichkeiten sind mittlerweile da, aber in den Köpfen ist das noch nicht richtig verankert.

Und wie schaut es umgekehrt aus? Die Wirtschaft hätte gerne mehr Maturanten, die sich für eine Lehre entscheiden. Realistisch?

Derzeit absolvieren 350 Maturantinnen und Maturanten eine Lehre – Tendenz steigend. Ich werte das als gute Entwicklung. Ich glaube aber, wir brauchen eine noch bessere Durchmischung. Es irritiert mich immer wieder, wenn ich beobachte, wie wenig die Welten von Lehrlingen und Schülern miteinander zu tun haben. Es muss uns gelingen, den Kontakt und den Dialog zwischen den jungen Menschen zu verbessern. Das würde bei der Berufswahl den gedanklichen Horizont öffnen. In einem neuen Programm versucht das AMS, Studienabbrecher für eine Lehre zu begeistern. Das ist nicht ganz einfach, wenn sie nie damit in Berührung gekommen sind.

Und was ist mit den jungen Menschen, die weder einen Schulplatz noch eine Lehrstelle haben, die für den Einstieg am Arbeitsmarkt zu wenig können?

Um diese jungen Menschen müssen wir uns besonders kümmern. Ihr Risiko für Arbeitslosigkeit ist extrem hoch. 40 Prozent aller Arbeitslosen sind Menschen ohne abgeschlossene Berufsausbildung. Es ist ein Trugschluss, dass wir die von der öffentlichen Hand finanzierte überbetriebliche Lehre nicht mehr brauchen. Sie fängt Jugendliche auf, denen noch das nötige Rüstzeug fehlt. Derzeit befinden sich in Tirol 126 Mädchen und Buben in der Vorbereitung zu einer überbetrieblichen Lehre. Mit der Hilfe des AMS können sie ihre Stärken herausfinden. Das gibt Selbstbewusstsein. Die allermeisten Jugendlichen in der überbetrieblichen Lehre finden nach wenigen Monaten einen Lehrbetrieb. Der Erfolg gibt dem Projekt recht.

Was raten Sie Jugendlichen, die heuer die Pflichtschule abschließen und eine Lehre in Betracht ziehen?

Spätestens jetzt aktiv werden, auch wenn der genaue Berufswunsch noch nicht formuliert ist. Wir haben in allen AMS-Standorten in Tirol Fachleute, die den Jugendlichen bei der Entscheidungsfindung helfen können. Wir können Schnupper-Lehren vermitteln und wenn nötig Eignungstests anbieten. Wer jetzt kommt, hat die größte Auswahl.

Claudia Thurner
Claudia Thurner
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