25.05.2019 15:00 |

Schauspielhaus Graz:

Pures Grauen im Rückwärtsgang

Schon der Roman von Martin Amis ist komplex: Er erzählt die Geschichte eines NS-Arztes im Rückwärtsgang - also vom Tod bis zur Geburt. Eine Bühnenadaption ist da eine echte Herausforderung. Doch dem Team um Regisseurin Blanka Rádóczy gelingt ein beklemmender Abend im Haus 2 des Grazer Schauspielhauses.

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Zur komplexen Handlung des Romans kommt noch, dass der britische Autor Martin Amis seinem Protagonisten eine Art abgespaltenes, distanziertes Ich als Erzählerfigur zur Seite stellt, was erst im Laufe der Geschichte Sinn ergibt. Anfangs wirkt die Rückwärts-Erzählung eher wie ein netter Gag. Der Tote erwacht, Ärzte kämpfen um sein Leben, er wird stärker und jünger, trocknet sich die Hände ab, bevor er sie wäscht, zieht an der Klospülung, bevor er die Toilette benutzt. Doch schnell wird klar, so harmlos und freundlich ist dieser Todd Friendly nicht, Dieser Identität folgt nämlich eine zweite, eine dritte und schließlich eine vierte, endgültige, die sich als KZ-Arzt im Team von Josef Mengele in Auschwitz/Birkenau entpuppt. Hier beginnt dann der Text wirklich zu greifen.

Schöpfer von Leben
Es klingt wie blanker Zynismus, wenn dieser Arzt von den wundertätigen Handlungen „Onkel Pepis“ schwärmt, der aus menschlichen Überresten wieder Leben erschafft. Wenn er sich als Schöpfer von Leben aus Feuer und Rauch fühlt. Das wirkt wie ein Schlag auf das geschockte Publikum.

Da kommt auch das Konzept von Regisseurin Blanka Rádóczy und Dramaturgin Jennifer Weiss, den Protagonisten auf vier Schauspieler - seinen vier Identitäten entsprechend - aufzuteilen, zur vollen Wirkung. Hier vereinen sich die vier Ichs, verschmelzen zu einer Einheit voller grauenhafter Überzeugung, einer großen wertvollen Sache zu dienen.

Nicht leicht zu verdauen
Die wohldurchdachte Inszenierung voller subtiler Anspielungen verlangt den vier Schauspielern einiges ab - Nico Link, Raphael Muff, Tamara Semzov und Franz Solar meistern diese Herausforderung aber souverän und mit großer Eindringlichkeit. Die kluge Ausstattung von Andrea Simeon und die beklemmenden Sounds von Victor Moser vervollständigen diesen nicht leicht zu verdauenden, wichtigen Abend.

Infos und Karten gibt es hier.

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