14.04.2019 13:58 |

Herausforderung Ostern

Acht Orte, ein Pfarrer: Großeinsatz im Lechtal

Priestermangel und übervolle Terminkalender zu Ostern. Wie geht das? Die „Tiroler Krone“ war mit Pfarrer Andreas Zeisler im Unteren Lechtal im Außerfern unterwegs, einem der größten Seelsorgeräume Tirols.

Forchach, 7.30 Uhr. Es ist kalt – eisig kalt! Eine junge Frau huscht in die Kirche. Zum Aufwärmen wahrlich der falsche Ort. Die elf Besucher der Frühmesse haben andere Beweggründe. Sie sind gekommen, um mit Pfarrer Andreas Zeisler zu beten.

30 Kilometer Abstand zwischen den Pfarren
Seit September ist der 33-Jährige für den Seelsorgeraum Unteres Lechtal mit den Pfarren Weißenbach, Forchach, Stanzach, Vorderhornbach, Hinterhornbach, Elmen und Bschlabs/Boden zuständig. Einer der größten Pfarrverbände Tirols – 30 Kilometer trennen den ersten und den letzten Ort. Pfarrer Zeisler muss sie zusammenhalten.

„Ja, Ostern ist schon eine echte Herausforderung“, gesteht der junge Geistliche, während er seinen kleinen Opel Corsa Richtung Weißenbach steuert. „Du brauchst dringend einen Allrad“, hat dem 33-Jährigen jeder geraten, als die Versetzung von Thaur ins Lechtal anstand. Schneeketten und Allrad hat es trotz strengem Winter nicht gebraucht. Nur Schwung an der richtigen Stelle und Gottvertrauen.

„Seelsorge findet nicht nur in der Kirche statt“
„So trifft man sich wieder“, ruft eine Mittdreißigerin Andreas Zeisler in der Bäckerei zu, während ihm Verkäuferin und Pfarrgemeinderats-Obfrau Annette Fürrutter ein Osterlamm über die Theke reicht. Jeder kennt ihn schon, den neuen Priester. „Seelsorge findet nicht nur in der Kirche statt, sondern bei den Menschen“, beginnt Zeisler bei einem wärmenden Tee von seiner schwierigen Mission in Zeiten von Priestermangel und Gläubigenschwund zu erzählen.

Kein Patentrezept gegen den Priestermangel
Zeisler spricht vom „Weg der kleinen Schritte“, der Gläubige nicht überfordert und verloren geglaubte Schäfchen vielleicht zurück in die Glaubensgemeinschaft führt. Für die Lösung des Priestermangels habe er auch kein Patentrezept, meint der gebürtige Axamer, der im Jahr 2016 der einzige Kandidat bei der Priesterweihe war. „Kommt Zeit, kommt Rat“, lautet Zeislers Credo. Es stimmt, wie sich an diesem Tag mehrmals zeigen wird.

40 Messen und noch mehr Termine rund um Ostern
Acht Orte, acht Pfarren bzw. Exposituren und nur ein Priester. Das hielten viele für unmöglich. Wie es funktioniert, erläutert der Seelsorger im Pfarrbüro. 40 Messen und zahlreiche andere Termine finden im Seelsorgeraum Unteres Lechtal rund um Ostern statt. „Ohne Aushilfspriester geht das nicht“, nennt Zeisler zu allererst Martin Schautzgy. Trotz seiner 79 Jahre nimmt dieser dem Neuen immer noch viele Gottesdienste ab. Aber was, wenn er einmal nicht mehr kann? „Dann wird sich ein Weg auftun“, antwortet Zeisler gelassen. Kommt Zeit, kommt Rat.

Trotzdem Zeit, bei den Nachbarn auszuhelfen
Inzwischen nimmt der 150.000-Kilometer-Corsa die letzten Kurven hinauf nach Grän. Die Erstkommunion-Kinder warten für eine Probe in der Kirche. Eigentlich nicht Zeislers Zuständigkeit. „Ich springe für einen erkrankten Kollegen ein.“ Der 33-Jährige wirkt tiefenentspannt – als hätte er zu Ostern sonst nichts zu tun. Am Ende der Probe sind die Kinder schon etwas ungeduldig. Sie wollen hinaus. Die Kirche ist nicht ihr Lebensmittelpunkt. Auch Zeislers Weg war nicht von Beginn an vorgezeichnet. Ein Erweckungserlebnis habe er nicht gehabt, sagt der Axamer. Der Wunsch, Priester zu werden, sei langsam gereift.

Ein Hausbesuch mit schönen Erinnerungen
Grän liegt hinter uns, vor uns Stanzach. Besprechung mit Martin Schautzgy. Gedankenaustausch, Arbeitsaufteilung. Aber daraus wird heute nichts. Schautzgy hat Magenschmerzen. Er muss sich schonen, damit er zu Ostern fit ist. Auch Irma Scheiber muss sich schonen. Die Pensionistin aus Forchach kann nicht mehr in die Kirche gehen. Also kommt die Kirche zu ihr. Haus- und Krankenbesuche seien ihm überaus wichtig, betont der Priester. Scheiber freut sich sehr über die Gesellschaft. Wie langjährige Freunde tauschen Zeisler und Scheiber in der wohligen Stube Erinnerungen aus. „Die Wallfahrt nach Assisi, das war was“, erzählt die Pensionistin und umfasst das kleine Kreuz, das an der Halskette baumelt. Eine gottesfürchtige Frau, die viele Stunden ihres Lebens ehrenamtlich für die Kirche tätig war. 100 Helfer sind heute im Freiwilligen-Team des Seelsorgeraums. Zeisler sagt zum zweiten Mal an diesem Tag: „Ohne die würde es nicht gehen.“

Eine witzige Geschichte, nicht für jeden gedacht
Beim Abschied fällt Scheiber eine witzige Geschichte ein, die den jungen Pfarrer und die altgediente Ehrenamtliche auf verrückte Weise für immer verbinden wird. Zu Erntedank – die erste Prozession des Pfarrers – sei es passiert. Für das Folgende verhängt die Pensionistin Schweigepflicht!

Der Arbeitstag von Andreas Zeisler ist nach dem Hausbesuch noch lange nicht vorbei. Auch in Weißenbach wollen die Erstkommunionkinder mit dem Pfarrer ihr Fest besprechen. Danach geht es zu den Ministranten nach Vorderhornbach. „Tolle Kinder“, freut sich der Pfarrer sichtlich auf das Treffen. Bevor er sich am Abend in seine kleine Wohnung im Widum zurückziehen kann, steht noch eine Versöhnungsfeier auf dem Programm.

Mit der Stille im Widum klingt ein voller Tag aus
Im Widum herrscht Stille. Der Pfarrer lebt alleine in dem großen Haus. Einsam fühlt er sich nicht. Die Stille schafft Raum für Besinnung. Wie wird es weitergehen mit der Kirche, den leeren Pfarrhäusern, den immer weniger werdenden Gläubigen? Fragen, die Pfarrer Zeisler heute sicher nicht lösen wird. Kommt Zeit, kommt Rat.

Claudia Thurner
Claudia Thurner
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