Mo, 24. September 2018

NS-Zeitzeuge in Schule

09.03.2018 18:49

„Wir dürfen es niemals vergessen“

Bewegendes Zusammentreffen: Marko Feingold (bald 105) erzählte im Borromäum über Verbrechen, die nie wieder passieren dürfen. 

Er 105 Jahre, die Jugendlichen von Borromäum und Kindergarten-Schule zarte 16 bis 18 Jahre jung: Generationen und Welten liegen dazwischen. „Es ist mir so zugefallen. Einer muss übrig bleiben“, ist er den Schülern mit einer launigen Bemerkung über sein hohes Alter gleich sympathisch.  Und es wird ganz still im Schul-Festsaal, wenn Marko Feingold, immer noch mit fester, aber leiser Stimme, von damals erzählt.

„Wussten nicht mehr, wie Weißbrot aussieht“

Von  jenem Moment zum Beispiel, als er nach der  Befreiung  zum ersten Mal wieder Brot sah: „Wir wussten gar nicht mehr, wie Weißbrot aussieht.“ Soldaten hatten einige Kartons von einem Lkw geworfen. Auch eine Konserve war dabei. Und eine Decke, die jetzt im Museum ausgestellt ist.

Marko Feingold überlebte die NS-Zeit und mehrere Konzentrationslager: „Wie haben Sie die Tage in Auschwitz er- und überlebt?“, will ein Schüler wissen. Er kam zuerst mit vielen anderen Häftlingen auf einem Dachboden unter. „Es lagen nur Strohsäcke am Boden.“ Ein Raum ohne Toilette, ohne Wasser, ohne Fenster.

Warum Flucht lebensgefährlich war

„Haben Sie mit Flucht spekuliert?“, fragt ein anderer Schüler. Die Antwort geht unter die Haut: Es gab in Dachau einen Galgen, wo all jene endeten, die einen Versuch wagten.

Leben und Tod rückten bei den heute unvorstellbaren Bedingungen im KZ nah aneinander. Und es waren die Zufälle, die entschieden: „Mehrere hatte eitrige Wunden“, erzählt Feingold. Der Arzt wollte sie bei ihm als Juden nicht behandeln. Alle anderen starben.

Staatssekretärin Karoline Edtstadler, die für Gedenken zuständig ist und das Zusammentreffen organisierte, erinnerte sich: „Ich war selbst als Gymnasiastin vor 20 Jahren in der Synagoge, damals hat mich die Geschichte besonders bewegt.“ Auch Karl Edtstadler, der frühere  Landtags-Direktor, war mit Kamera im Publikum: „Der Vater einer Staatssekretärin ist viel beschäftigt“, meinte er stolz.

Und Marko Feingold nahm die Schüler auch auf Zeitreise in die Nachkriegsjahre mit. Wie er die Befreiung erlebte? „Die SS-Leute wurden plötzlich aus dem Lager abgezogen.“ Dann war schon  das ratternde Motorengeräusch eines amerikanischen Kleinflugzeuges zu hören. Und Feingold – er hatte seine Jugend in Wien verbracht – kam auf Umwegen nach Salzburg: „Der Empfang war nicht sehr freundlich. Wir wurden beim heutigen Elmo-Kino dazu angewiesen, unsere Morgentoilette zu machen.“ Erste Station war dann eine Schule im Nonntal, wo ein Lazarett eingerichtet war. Feingold und andere Überlebende bekamen eine Wohnung zugewiesen, die als Büro diente: „Schreibtische haben wir mit der Andräschule in Betten getauscht.“

Sein Appell: „Geht wählen“

Und was erwartet sich Marko Feingold von der Jugend von heute? Die Antwort war ein flammender Appell für die Demokratie. An einer Diktatur würde jeder Staat zu Grunde gehen, heute wie damals, so Feingold.  Beeindruckend ist seine Lebensfreude, die selbst die Grausamkeit der Nazis nicht umbringen konnte.

Auch auf die Schmieraktionen von Salzburgs Stolpersteinen antwortete er freundlich und besuchte einen der Täter sogar im Gefängnis. „Er ist draufgekommen, dass es Blödsinn war“, verzeiht Feingold und lässt sich auch von aktuellen Burschenschafts-Diskussionen nicht beunruhigen. Seine Bitte an die Schüler: „Geht wählen!“ Eine nachdenkliche Jugend verließ den Saal

Sabine Salzmann
Sabine Salzmann

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