Mi, 15. August 2018

Meine Geschichte

15.03.2017 15:36

"Wie ich mich doch geirrt hatte ..."

Obdachlos! Erst wird Marianne krank, dann verliert sie ihre Wohnung und endet in der Notschlafstelle. Das Protokoll einer Frau, die weiß, wie schnell und wie tief man fallen kann.

Ich drehe die Zeit um zwölf Jahre zurück. Mein Leben damals: Ich war Sekretärin im Fremdenverkehrsamt, lebte mit meinem Partner in einer 150-Quadratmeter-Wohnung im ersten Bezirk. Die Miete war günstig, weil ich den alten Mietvertrag meiner Eltern übernommen hatte.

Es war ein gutes Leben das sich auf einen Schlag änderte: Meine Beziehung zerbrach, und das alte Zinshaus wurde in Luxus-Immobilien umgewandelt. Für mich unleistbar. Also übersiedelte ich in eine befristete Garçonnière nach Meidling.

Dann wurde ich krank. Mein Herz. Ich war permanent erschöpft und bald gar nicht mehr belastbar. Erst war ich lang im Krankenstand, später musste ich Invaliditätspension beantragen.

Im Frühjahr 2016 hatte ich dann die entscheidende Herz-OP. Es war nicht klar, ob ich sie überlebe. Ich hatte Glück. Doch als ich nach neun Wochen vom Spital heimgekommen bin, der nächste Schock: Im Briefkasterl lag ein Schreiben von der Hausverwaltung. Mein Mietvertrag wurde nicht verlängert. Der Eigentümer wollte das Haus verkaufen.

Mir blieben fünf Monate, eine neue Bleibe zu finden. Erst bin ich es klassisch angegangen und habe mich bei Wiener Wohnen auf die Warteliste setzen lassen. Dann habe ich Inserate studiert, bei Maklern angerufen. Da habe ich erfahren, dass die meisten Wohnungsbesitzer von ihren Mietern ein Mindesteinkommen von 1000 Euro im Monat erwarten. Als Sicherheit. Da konnte ich mit meiner Pension von 837 Euro natürlich nicht mithalten.

Haben Sie auch ein Schicksal gemeistert und können damit anderen Mut machen? Dann schreiben Sie bitte an: brigitte.quint@kronenzeitung.at

Vermieter erwarteten 1000 Euro Mindesteinkommen
Einmal hätte ich aber die Chance gehabt, ein Appartement im 2. Bezirk für 300 Euro zu mieten. Provision, Kaution und die Ablöse hätten 2700 Euro ausgemacht. Mein Erspartes waren aber gerade einmal 1000 Euro

Die Situation wurde zunehmend kritischer, die Vorstellung, auf einer Parkbank zu enden, ganz real. Ich habe keine Familie, die ich hätte um Hilfe bitten können. Und meinen Freunden, die selber beengt wohnen, wollte ich nicht zur Last fallen.

Verzweifelt versuchte ich, bei meiner Hausverwaltung Zeit herauszuschinden. Doch dort sprach man bereits von Delogierung. Zwei Monate vor Ablauf der Frist habe ich es dann bei Airbnb probiert einer Art Urlaubs-WG auf Zeit. Online buchbar. Auch das hat sich zerschlagen, weil ich ja keine Touristin war.

Dann probierte ich es bei Frauenhäusern. Aber ich war nicht deren Zielgruppe. Mitte September habe ich dann zumindest einen Lagerraum für meine Sachen gefunden. Videoüberwacht. Keine Chance also, dass ich dort zur Not hätte übernachten können.

Schließlich habe ich von einer Bekannten vom Tageszentrum "Ester" für obdachlose Frauen erfahren. Meine Rettung. Die Betreuerin hat mir einen Platz in einer Notschlafstelle organisiert und einen Sozialantrag auf "dringenden Wohnbedarf" gestellt.

War Froh, nicht auf der Straße leben zu müssen
Von Oktober an pendelte ich dann zwischen Notschlafstelle und Tageszentrum. Ich war einfach froh, nicht auf der Straße leben zu müssen. Denn ich habe in dieser Zeit Frauen getroffen, die es noch viel schwerer hatten als ich.

Ende 2016 habe ich dann von der Stadt Wien eine 1-Zimmer-Wohnung in einem Gemeindebau gekriegt. 300 Euro Miete, unbefristet.

Ich habe wieder ein Zuhause, einen Ort, an den ich mich zurückziehen kann. Früher dachte ich, das wäre selbstverständlich. Wie ich mich doch geirrt hatte ...

TIPPS UND INFOS:

  • Laut Wohnungslosenhilfe steigt die Anzahl obdachloser Menschen in Österreich kontinuierlich.
  • Letzter erfasster Stand: 12.055 Österreicher im Jahr 2013. Statistik Austria schätzt die Dunkelziffer viel höher ein.
  • Österreich ist eines der wenigen EU-Länder, in dem das Grundrecht auf Wohnen nicht Teil der Rechtswirklichkeit ist. Es darf z.B. auf die Straße delogiert werden.
  • Die letzten drei Gehaltszettel als Bonitätsnachweis gelten auf dem privaten Mietmarkt als üblich. Eine Hürde für Menschen mit geringem Einkommen.

Brigitte Quint, Kronen Zeitung

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