Fr, 22. Juni 2018

Oper Graz

25.09.2016 18:17

Wagner zur Eröffnung

Dass Intendantin Nora Schmid ihre zweite Spielzeit vom jungen Regieteam Verena Stoiber/Sophia Schneider eröffnen lässt, setzt ein starkes Signal. Die beiden Siegerinnen des letzten Grazer Regiebewerbs "Ring Award" machen sich das Leben jedoch selbst schwer - Flügel erhält Richard Wagners "Tristan und Isolde" dank Dirigent Dirk Kaftan.

Besonders zart beginnen die Celli diesen "Tristan". Dirk Kaftan lässt das Vorspiel wie aus dem Nichts auftauchen und wieder verschwinden: Bässe und Celli beenden es in echtem Pianissimo. Das Werden und Vergehen, die unerfüllte Leidenschaft, die Erlösung durch das Nichts, das ganze Drama ist schon im Vorspiel im Kern enthalten. Kaftan wählt meist eher schnelle Tempi, verleiht der inneren Bewegtheit der Titelfiguren so Nachdruck, und meidet dennoch alles Plakative. Schon der anfängliche Tristan-Akkord klingt verhalten, doch lyrisch, intensiv. Die Nachtmusik im zweiten Akt spielen die Grazer Philharmoniker innig, poetisch - Kaftan verabreicht kein dunkles, narkotisches Gebräu, achtet auf Transparenz und kreiert dennoch melancholische Atmosphäre.

Diese Transparenz passt ganz gut zur hellen, schicken Designervilla, die Sophia Schneider zum Bühnenbild taugt. Es ist eine zivilisatorische Insel inmitten eines finsteren Waldes, das Wohnhaus der Eheleute Tristan und Isolde. Verena Stoiber dreht das Rad der Zeit nach vor, und liefert quasi die Fortsetzung zu Wagners eigentlicher Handlung in drei Akten. Die Normalität des Lebens holte die Liebenden ein, die ihr kinderloses Unglück fristen, offenbar gelähmt von der Schuld, die die Ermordung von Isoldes "Ex" Morold durch Tristan auf das Paar geladen hat.

König Marke wird da eine Art Wiedergänger Morolds, eine mythische Figur im historischen Kostüm, ein "Taggespenst", das von Tristan nochmals erschlagen wird. Liebestrank braucht es keinen mehr, höchstens der Tod verhieße Erlösung. Das ist manchmal ein bisschen plakativ - wenn der todessehnsüchtige Tristan sich mit Graberde einreibt - das ist manchmal ein bisschen lächerlich - wenn das Liebespaar einen Hasen (Symbol der Fruchtbarkeit) häutet und grillt. Allmählich heben sich Gegenwart und Vergangenheit, Fantasie und Realität auf, die nur unzureichend wegbetonierte Natur verlangt ihr Recht, bis am Ende der Mond auf die Erde zurast. Schwer, dabei nicht an Lars von Triers filmische Apokalypse "Melancholia" zu denken, in der ein Meteor die Welt vernichtet. (Übrigens zur Musik von "Tristan und Isolde".)

Isoldes Untergang wird von der Debütantin Gun-Brit Barkmin ausgezeichnet dargestellt. Sie hat kein opulentes Organ, sondern bringt eine frische Stimme mit einem Hauch Herbheit mit, meistert die Höhen, nur manch lyrische Passage bleibt etwas gräulich. Zoltán Nyári ist kein Tristan, der sich dunkel und breit verströmt: Seine helle, doch durchschlagskräftige Stimme ist belastbarer, als man denkt, gewinnt in der Höhe an Strahlkraft. Markus Butter ist ein starker, viriler Kurwenal, Guido Jentjens gestaltet das lange "Rezitativ" Markes berührend und Martin Fournier singt den Seemann wundervoll zartschmelzend. Am meisten Applaus erntet Dshamilja Kaisers Brangäne, die im zweiten Akt in der Mittellage glänzt, aber auch ihre dramatischen Ausbrüche bravourös bewältigt.

Doch sie alle wirken ein wenig verloren im undramatischsten, am heikelsten zu inszenierenden Werk Wagners. Trotz des Aufwands, den Stoiber betreibt, um die Regie plausibel zu machen, ist die Sache interessant und handwerklich gekonnt, aber letztlich nicht zwingend. Es ist eine legitime Regiekunst, wie man sie heute häufig zu sehen bekommt, eine Kunst, die nicht vom Müssen, sondern vom Wollen kommt.

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