Sa, 23. Juni 2018

steirischer herbst

16.09.2016 14:33

Film-Magier aus Thailand

Seine Filme sind Meditationen, Träume über die Geister der Vergangenheit und Reflexionen über die Macht des Militärs in seiner thailändischen Heimat. Lesen Sie Porträt des weltweit gefeierten Meisterregisseurs Apichatpong Weerasethakul, der in Graz beim "steirischen herbst" seine erste Bühnenarbeit zeigen wird.

Ein kleines Spital im tropischen Wald. Die Patienten sind Soldaten, die an einer seltsamen Schlafkrankheit leiden. Die Helferin Jen lernt den Soldaten Itt kennen, mit Hilfe eines Mediums, einer jungen Frau, kann sie sich mit ihm unterhalten. Es wird enthüllt, dass das Spital über einem uralten Friedhof erbaut worden ist, es kommt zu Geisterscheinungen und anderen rätselhaften Ereignissen, in denen High-Tech auf Mythisches, Archaisches stößt.

Das ist der Inhalt von "Cemetery of Splendour", dem bislang letzten Film des thailändischen Regisseurs Apichatpong Weerasethakul. Einem Film, dessen Magie man mit einer Inhaltsangabe nicht gerecht wird. Apichatpongs Filmsprache ist hochindividuell: Fast ohne Nahaufnahmen, nur in der Totale und der Halbtotale, im langsamen Rhythmus, fast ohne Kamerafahrten und ohne Musik entfaltet sich eine Geistergeschichte in unheimlicher Stille. Es könnte sich freilich auch um einen zweistündigen Traum der Protagonistin handeln.

Apichatpong ist fasziniert vom Schlafen und Träumen, er driftet aber nicht ins Surreale ab. Ein hell leuchtendes Filmpoem wie "Cemetery of Splendour" hält er bewusst in der Schwebe zwischen Realismus und Märchen, der Betrachter wird wie in Zeitlupe in eine Bildwelt hineingezogen und verzaubert, ja verhext. Seine Filme gleichen Landschaften, die man betritt.

Hinter ihrer ruhigen Fassade sind die Werke auch als Allegorie aufs heutige Thailand zu verstehen. Das Ferienparadies in Südostasien ist ein stark militarisiertes Land. Anfang August gelang es dem Militär, bei einem Referendum seine Machtposition einzuzementieren. Apichatpongs Aussage, dass er sich von Männern in Uniform angezogen fühlt, ist mehr als homosexuelles Geständnis, sie gewinnt eine gesellschaftspolitische Dimension angesichts einer Nation, die eine militärische Haltung internalisiert hat.Ein Großer im internationalen KinoSo spezifisch thailändisch Apichatpongs Filme sein mögen, der 46-Jährige zählt zu den Großen des Weltkinos. Für "Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben" gewann er 2010 die Goldene Palme in Cannes, wo er 2004 den Spezialpreis für "Tropical Malady" erhielt. Nur zur Einordnung: Auf die aktuelle BBC-Liste, für die 117 Filmkritiker die 100 besten Filme des 21. Jahrhunderts wählten, schafften es drei Filme Apichatpongs. Das sind mehr als Quentin Tarantino und Martin Scorsese zusammen platzieren konnten.

Ein Großer des Welt-Kinos
Apichatpongs Schaffen besteht freilich nicht nur aus Filmen. Er arbeitet immer wieder als bildender Künstler, nahm auch an der Documenta in Kassel teil. Seine Installationen und Skulpturen sind Verlängerungen seiner Filme in andere Medien. Nicht anders ist die Lage bei "Fever Room": Dabei handelt es sich um seine erste Bühnenarbeit, die beim "herbst" in Graz erstmals im deutschsprachigen Raum zu sehen ist. Der Saal wird zum unheimlichen Ort, wo Realität und Fantasie verschmelzen. Dabei gibt es auch ein Wiedersehen mit Jen und Itt: "Fever Room" bezieht sich ausdrücklich auf den Film, bringt seine Themen in einen Bühnenkontext. Das könnte gut werden. Unheimlich gut.

"Cemetery of Splendour" läuft im "herbst" am 28. September im Orpheum extra. Die dazugehörende Bühneninstallation "Fever Room" wird am 29. September (19.30 und 22.30 Uhr) und am 30. September (14, 17, 19.30 und 22.30 Uhr) im großen Orpheum gezeigt. Infos auch hier.

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