Wassersport-Boom

Freizeitparadies Mur: Chancen und Risiken

Steiermark
23.05.2023 11:00

Immer mehr Wassersportler erobern den steirischen „Hymnen-Fluss“ - doch es gilt auch hier, sich an Regeln zu halten. Die „Krone“ hat sich bei Mur-Sportlern und Experten umgehört. 

Dicke Fichtenstämme sind seit Ende April die neue Attraktion in Graz: Vom Süden aus treiben sie als Floß mit bis zu 50 Personen flussaufwärts bis zur Stadtmitte. Für Touristen oder zum Entschleunigen sollen täglich ein bis zwei Fahrten stattfinden, „langfristig wollen wir mit Festivals zusammenarbeiten, Themenfahrten anbieten, Hochzeiten abhalten“, erzählt Flößerei-Gründerin Elisabeth Dirninger

Murgondeln, Kajaks und Luftmatratzen
Nebenan, am Stadtstrand, betreibt Jakob Batek seit dem Vorjahr seinen Bootsverleih: „Der Bedarf ist da.“ Vom Kajak bis zu Murgondeln kann man bei ihm alles ausleihen, nebenan versprühen Sonnenliegen und ein Kiosk Urlaubs-Flair. Nur 750 Meter nördlich hat der „Stand-Up-Paddle Sportclub“ seine Basis, eineinhalb Kilometer weiter der Kajak- sowie der Kanuclub mit schon fast 300 Mitgliedern. Aber auch Luftmatratzen oder Schlauchboote sind auf der Mur nicht mehr selten.

Ende April hatte das erste Floß der Steiermark seine Jungfernfahrt (Bild: LippZahnschirm Photography)
Ende April hatte das erste Floß der Steiermark seine Jungfernfahrt
Elisabeth Dirninger, Gründerin der Flösserei Graz (Bild: LippZahnschirm Photography)
Elisabeth Dirninger, Gründerin der Flösserei Graz
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Es wird immer mehr Leute anziehen. Dann muss man auch gut informieren, aber es soll nicht gleich Tausende Verbote geben.

Elisabeth Dirninger

„Das fängt gerade erst an, da kommt noch einiges“, mutmaßt Batek. „Es ist das, was Graz bisher gefehlt hat. Es gibt keine Seen rundherum, die Hitze zieht immer mehr Leute an“, ergänzt Dirninger. Vor der Entwicklung hat der Bootsverleiher sogar etwas Angst: „Weil Strukturen erst mitwachsen müssen.“ Die Stadt Graz bestätigt, dass es laufend Anfragen gibt.

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Freizeit und Sport, daran soll sich ander Mur nicht viel ändern, es soll Erholungsort bleiben. Lärmende Motorboote gehören nicht dazu.

Thomas Rajakovics

Motorboot-Verbot steht im Raum
Wo die Landeshauptstadt hinsteuert? „Wir wollen die Mur als Sport- und Freizeitgewässer erhalten“, sagen dazu Sportamtsleiter Thomas Rajakovic und Robert Wiener (Grünraum und Gewässer). Es soll bei ausgewählten Gewerben, wenigen Vereinen sowie sanfter Schifffahrt bleiben.

Jakob Batek (li.) verleiht Boote am Stadtstrand Graz (Bild: Stefan Leitner)
Jakob Batek (li.) verleiht Boote am Stadtstrand Graz

Die Herren plädieren für ein baldiges Motorboot-Verbot. Dass Fische durch Ruderboote gestört werden, sieht man kaum. Es sei positiv, dass der Fluss endlich für die breite Masse attraktiv wird. Fürs Baden sei die Mur dennoch nicht offiziell freigegeben. Nicht nur, weil sie keine Badewasserqualität hat (Interview): Das Wasser ist kalt, Strömungen gefährlich. Batek rät Freizeit-Sportlern: „Bei Hochwasser und Gewitter meiden, nicht in Sperrgebieten aufhalten.“

Immer mehr Touristen: Sorge um Laichplätze
Je nach Nutzung sind Konflikte steiermarkweit anders. Die Besucherlenkung fehle überall, kritisiert Maximilian Scharzenberger vom Fischereiverband: „Es gibt immer mehr Wasser-Touristen, auch aus der Slowakei oder Polen. Sie bewegen sich leider auch bei Laichplätzen.“

Generell freuen sich Flüsse größerer Beliebtheit, ungebrochen ist sie im Gesäuse: Dort hat der Wassersport - etwa Raften und Kayaken - eine lange Tradition. (Bild: Nationalpark Gesäuse / Stefan Leitner)
Generell freuen sich Flüsse größerer Beliebtheit, ungebrochen ist sie im Gesäuse: Dort hat der Wassersport - etwa Raften und Kayaken - eine lange Tradition.
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Leider macht sich kein Mensch Gedanken. Leute trampeln auf Laichplätzen herum, vermüllen Ufer. Es braucht klare Regeln und gute Infos.

Maximilian Scharzenberger, Obmann des Landesfischereiverbands Steiermark

Vermüllung kommt hinzu. In den letzten 20 Jahren hätte man viel an Natur zerstört: „Es braucht Regeln und klare Infos, sonst erleiden wir Schiffbruch.“ Im Nationalpark Gesäuse sei es bereits verboten, Schotterbänke wegen Brutvögeln zu betreten. Das funktioniere gut, sagt ein Sprecher. Weil das Gewässer dort aber um einiges wilder ist, würden die meisten ohnehin auf Anbieter setzen: „Leider hören wir auch immer wieder von ausländischen.“ Da brauche es noch bessere Kontrollen.

Biologe Steven Weiss rät davon ab, in der Mur baden zu gehen (Bild: Weiss)
Biologe Steven Weiss rät davon ab, in der Mur baden zu gehen

Biologe Steven Weiss warnt vor Bad in der Mur

Herr Weiss, wie steht es um die Wasserqualität der steirischen Mur?
Seit den 19070ern hat sich die Wasserqualität der Mur deutlich verbessert. Aber: In das Bewertungssystem fließen keine hygienischen Werte ein. In Graz ist etwa der Anteil der Kolibakterien hoch, aber auch schon ab Knittelfeld hat man Bakterien und Viren nachgewiesen, die hauptsächlich von Kläranlagen kommen. Je weiter man flussabwärts kommt, umso schlimmer wird es.

Von welchen Bakterien und Viren ist hier die Rede?
Einige fäkale Indikatoren, einschließlich Antibiotika-resistenter Stämme von Kolibakterien.

Ihre Empfehlung fürs Baden lautet daher?
Weil der Anteil an Kolibakterien etwa in Graz hoch ist, hat die Mur keine Badewasserqualität. Ich würde daher nicht empfehlen, baden zu gehen.

Was hat man zu befürchten, wenn man es doch tut?
Ein gesunder Mensch wird wahrscheinlich kein Problem haben. Wenn man zu viel Wasser schluckt, kann man aber schon Durchfall bekommen. Problematisch kann es für Menschen mit schwachem Immunsystem werden, auch wenn man in Kontakt mit Antibiotika-resistenten Erregern kommt.

Wie kann die Qualität verbessert werden?
UV-Bestrahlung in Kläranlagen würde deutlich helfen, kostet aber viel Geld. Sollte die Politik eine freie Nutzung planen, sollte man dort aber investieren.

Und wie steht es um die Fische in der Mur?
Generell geht es mit der Gesundheit der Fische in der Mur wegen dem Kraftwerksbau bergab, in der oberen Mur ist sie aber noch gut: In Stübing etwa hat man einen schönen Huchen-Bestand. Diese Räume sollte man schützen, genauso wie jene in der Obersteiermark. In Graz, wo ohnehin schon Stauräume sind, machen Wassersportler keinen großen Unterschied mehr. Dort freue ich mich, wenn sich Menschen für Flüsse interessieren, vielleicht schützen sie sie dann auch mehr.

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