28.02.2022 07:00 |

Flucht wäre illegal

Familie in Kiew: Jeder Anruf kann der letzte sein

Eine Familie aus Hof bei Salzburg bangt Tag für Tag um das Überleben ihrer Lieben in der ukrainischen Hauptstadt Kiew. Am liebsten hätten sie ihre Liebsten schon vor Tagen mit dem Auto geholt. Doch: Weil sie nicht ukrainische Staatsbürger sind, muss die turkmenische Jung-Familie Nacht für Nacht weiter bangen.

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„Wenn wir auflegen, wissen wir nicht, ob wir sie wiedersehen!“ Kamila Tredak aus Hof bei Salzburg macht seit Tagen kein Auge mehr zu. Zu groß ist die Sorge um ihren Bruder Yoldash (36), seine Frau Gözel (38) und die erst fünf Monate alte Tochter Leyla.

Die drei sitzen seit Tagen im siebten Stock eines Plattenbaus in der ukrainischen Hauptstadt Kiew fest. In der kleinen Wohnung, nur drei Kilometer von der Front entfernt, bangt die Familie jede Nacht um ihr Leben. „In der Nacht klirren die Fenster, wenn die Raketen vom Himmel kommen“, erzählt Gözel im Videotelefonat mit der „Krone“.

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Morgens anzurufen ist am schlimmsten. Wir wissen ja nicht, ob sie die Nacht überlebt haben. Das ist unsere engste Familie – wir wollen doch nur, dass sie in Sicherheit ist.

Kamila Tredak

„Wir können uns nicht wie andere in der U-Bahn-Station verstecken“, ergänzt Yoldash. Zu schlecht seien die Zustände – mit einem Kleinkind undenkbar, zumal die kleine Leyla ihr warmes Fläschchen brauche.

Herr Tredak wollte seinen Schwager und seine Familie schon vor Tagen mit dem Auto aus der Ukraine holen. „Es geht um Leben und Tod. Ich würde mich sofort ins Auto setzen“, so Tredak.

Flucht wegen Bürokratie nicht möglich
Doch: „Die österreichischen Behörden waren zwar sehr verständnisvoll, aber mir wurde gesagt, ich würde mich als Schlepper strafbar machen, wenn ich die drei auf eigene Faust hole“, ist Andi fassungslos.

Das Problem: Die Jung-Familie kommt ursprünglich aus Turkmenistan und wohnt seit einigen Jahren für Arbeit und Studium in der Ukraine. Damit könne sie in der EU nicht ohne Weiteres Asyl beantragen, wie Andi Tredak von den österreichischen Behörden erfahren hat. Selbst wenn er es irgendwie schaffen würde, das Trio mit dem Auto über die ukrainische Grenze zu bringen, drohe ihm dann eine Festnahme wegen Schlepperei und der Familie die sofortige Abschiebung.

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Es ist Wahnsinn, dass man Menschen nicht hilft, nur weil sie die falsche Staatsbürgerschaft haben. Es geht um Leben und Tod. Das trifft auch die Usbeken und Kasachen im Land.

Andi Tredak

Von einer Rückkehr in die alte Heimat trennt das Trio übrigens nicht nur die pandemiebedingt geschlossene Grenze Turkmenistans, sondern auch Tausende Kilometer und das Kaspische Meer. Bekannte der Familie seien erst vor wenigen Tagen bei einem verzweifelten Fluchtversuch erschossen worden, erzählt die studierte Philologin Gözel im Videotelefonat.

Aus Verzweiflung schon fast zur Waffe gegriffen
Ihr Bruder Yoldash habe aufgrund der Ausweglosigkeit sogar schon überlegt, sich als Freiwilliger zur Verteidigung der Stadt zu melden, erzählt Kamila Tredak. Sie konnte ihm aber noch ins Gewissen reden – seine Frau und seine Tochter würden sonst ganz alleine einer ungewissen Zukunft entgegensehen. Andi Tredak hofft auf eine schnelle Lösung. „Am liebsten würde ich mich sofort ins Auto setzen!“

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