17.01.2022 08:00 |

Interview

Richard Greil: „Sollten aus Pandemie viel lernen“

Das Herz von Mediziner Richard Greil schlägt eigentlich für die Krebsforschung. Corona fordert ihn aber auch als Infektiologe. Er erklärt, warum ein dickes Fell in seinem Job wichtig ist und es Grund zur Hoffnung gibt.

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Herr Greil, eigentlich ist Ihr Steckenpferd die Onkologie. Nun sind Sie zusätzlich Virus-Experte. Sind Sie im Dauerstress?

Das ist sicher so. Wir haben die zweitgrößte Onkologie in Österreich und legen sehr viel Wert auf Forschung. Ich möchte die Krebsforschung weiter vorantreiben. Gleichzeitig liegt der Zeitaufwand zur Bewältigung der Pandemie in einer völlig anderen Dimension als alles, was die Infektiologie bisher leisten musste. Wenn man seine Projekte vorantreibt und sowohl die Wissenschaft als auch die klinische Arbeit weiterentwickeln möchte, füllt man eine sehr hohe Anzahl an Stunden.

Wie bekommen Sie den Kopf frei, wenn Sie gerade nicht Mediziner oder Pandemie-Profi sind?

Das ist zugegebenermaßen in den letzten zwei Jahren ganz schwierig geworden. Auf der einen Seite bin ich sehr gerne mit meiner Familie zusammen, ich diskutiere oft mit meiner älteren Tochter – sie ist an der Entwicklung von Gesellschaften sehr interessiert. Ich habe auch viel Freude an meiner kleinen Tochter, die bald drei Jahre alt wird. Wann immer es möglich ist, versuche ich ein bisschen Sport zu treiben. Ich lese auch sehr viel, das meiste davon ist Fachliteratur, aber nicht nur. Ansonsten bleibt sehr, sehr wenig Zeit.

Wie sehen Sie Ihre Rolle in der Pandemie?

Die Mediziner müssen Vermittler sein. Je weiter man von den realen Verhältnissen im Krankenhaus und von den Patienten weg ist, umso mehr werden Fakten zu Zahlen auf einem Papier. Ich glaube, dass wir zu dieser Rückkopplung gegenüber der Politik und der Gesellschaft verpflichtet sind, auch wenn das nicht immer nur Wohlgefallen auslöst.

Sie haben oft das gesagt, was keiner hören wollte. Gibt es viel Gegenwind?

Ja, selbstverständlich. Aber wir sind primär unseren Patienten verpflichtet, nicht unseren Freunden. Mediziner in Führungspositionen haben den Auftrag, die Schwachen zu schützen. Menschen, die schwer krank sind, oder drohen, schwer krank zu werden. Diese gesellschaftspolitische Aufgabe heißt auch, präventiv Dinge klar zu machen. Es ist nicht die Aufgabe von Ärzten, anderen zu gefallen. Das ist durchaus mit Konfrontationen verbunden, auch in der direkten Umgebung macht man sich nicht nur Freunde.

Wie gehen Sie damit um?

Man muss einiges aushalten können. Es braucht sehr hohe Frustrationstoleranz und man darf nicht überempfindlich sein. Trotzdem muss man sehr sensibel sein. Gegenüber Patienten, aber auch bei Aussagen in der Öffentlichkeit. Man muss in solchen Situationen selbst wissen, was richtig ist – darf aber auch nicht aufhören, sich selbst immer wieder zu hinterfragen. Das Handeln sollte aber nicht darauf ausgerichtet sein, Applaus von allen Seiten zu bekommen.

Was war für Sie bisher der schwierigste Moment in der Pandemie?

Das war im Februar und im März 2020. Da ist eine unbekannte Erkrankung mit unglaublicher Entwicklungsgeschwindigkeit auf uns zugekommen, ohne dass es irgendeine Vorbereitung gab. Als ich den Organisationsauftrag bekommen habe, errichteten wir innerhalb von drei Tagen ein Krankenhaus im Krankenhaus. Man vergisst so schnell, wie die Situation damals war. Es gab keine Masken, keine Schutzmaßnahmen, es war fast eine panikartige Entwicklung. Außerdem gab es damals weder eine Therapie noch eine Impfung.

Waren die Wellen danach einfacher zu bewältigen?

Die Zeit kurz vor der Delta-Welle war auch sehr schwierig – aber anders. Da war es dringend notwendig klarzumachen, dass wir durch eine ungebremste Welle alle Grenzen überschreiten würden. Das hätte zu einer völligen Zerstörung unserer ethischen Werte geführt – das konnten wir einfach nicht hinnehmen. Ich spreche von Triage, von Patienten, die gar nicht mehr betreut werden, oder von intubierten Patienten, die für andere Patienten extubiert werden sollten. Das sind völlig unvorstellbare Aspekte, die die Medizin in eine unvertretbare Position gebracht hätten. Das kann man nicht akzeptieren und da musste ich auch in dieser Klarheit argumentieren.

Gibt es ein Zurück ins normale Leben?

Ich gehe davon aus, dass es in ein bis zwei Jahren zu einem Übergang in die Endemie kommt. Wir werden weiter Wellen sehen – ähnlich wie bei der Grippe – aber gesamt wird die Herausforderung an das Gesundheitssystem weniger werden. Ich glaube aber, dass die Vorstellung von einem Zurück zum Normalen keine gute Heilungstendenz mit sich bringt. Wenn wir zu unserer Normalität von vor der Pandemie zurückkehren, würden wir rein gar nichts für die Zukunft lernen. Eher sollten wir uns an die Gegebenheiten positiv anpassen und aus der Pandemie sehr viel lernen. Beispielsweise über die Interaktion zwischen Bürgern und Staat, wie man mit Wahrheit umgeht und wie man ihr zum Durchbruch verhilft, wie man Fakten entsprechend darstellt und wie man vorauseilend handelt und plant.

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