21.11.2021 12:00 |

Steiermark History

Als sich der Erzherzog vom Rathaus abwandte

Vergangenen Mittwoch ist das Grazer Rathaus mit der Wahl der ersten Bürgermeisterin ins Blickfeld der Öffentlichkeit gerückt. Doch rund um den Amtssitz verbergen sich Geheimnisse, die kaum jemand kennt.

Er misst imposante 3,10 Meter, trägt noble Zivilkleidung und den Orden vom Goldenen Vlies um den Hals. Die Schriftrolle in der Hand weist auf das vom „steirischen Prinzen“ 1811 gegründete Joanneum hin. Umringt von vier spärlich bekleideten Flussdamen „thront“ Erzherzog Johann unweit des Grazer Rathauses und überblickt stolz die Hauptplatz-Flaneure.

Seit 143 Jahren kennen und lieben die Steirer das Brunnendenkmal eines ihrer Herzens-Habsburger - doch die Wenigsten haben sich bisher gefragt: „Warum schauen Majestät eigentlich nicht gütig zum Amtssitz des Bürgermeisters?“

„Die Blickrichtung ist ein Mysterium“, erklärt der Grazer Lokalhistoriker Karl Albrecht Kubinzky. Warum der große Förderer der Steiermark gen Osten schaut, und zwar direkt ins Haus Hauptplatz 14, sei nicht erklärbar. Von 1878 bis in die Zeit des Ersten Weltkrieges richtete er den Blick auf ein honorables Bürgerhaus, das danach durch einen Neubau ersetzt wurde. „Der Erzherzog steht übrigens - über viele Häuser hinweg - Aug in Aug mit seinem kaiserlichen Bruder Franz I. am ehemaligen Franzensplatz, dem heutigen Freiheitsplatz. Sehr gut haben sich die beiden ja nicht verstanden“, schmunzelt Kubinzky, der auch dieses Geschichtsschmankerl in seinem neuen Buch „Historisches aus Graz“ aufgegriffen hat.

Viel länger als der Hauptplatzbrunnen, nämlich rund 350 Jahre, existiert ein weiteres bekanntes Denkmal: die monumentale Mariensäule am Eisernen Tor. Am Beginn ihrer Baugeschichte steht ein feierliches Gelübde der Bürger: Bleibt Graz bis Mitte des 17. Jahrhunderts vom drohenden Türkenkrieg verschont, werden sie es Maria würdig danken.

Die Mariensäule wurde in Türkensäule umbenannt
Und es kam tatsächlich so: 1664 siegte eine Armee des Heiligen Römischen Reiches im burgenländischen Mogersdorf über die Osmanen - die Dankessäule war beschlossene Sache!

„Im Zeitgeist der konfliktreichen Ersten Republik schlug der Verein Heimatschutz vor, die Mariensäule in Türkensäule umzubenennen. 1936 wurde zudem aus dem Gasthaus Zum Stern das Türkenloch, und der Tiefe Brunnen am Schlossberg wurde in Türkenbrunnen umbenannt“, erklärt der Graz-Historiker.

U-Bahn oder Murgondel: Wenn heute der öffentliche Verkehr für Diskussionsstoff sorgt, war das anno dazumal in Graz nicht viel anders. Im 19. Jahrhundert wurde an der Elektrifizierung der Pferde-Tram (es gab zwölf Kutscher und acht Stallburschen) getüftelt. Und das rief zwei konkurrierende Unternehmen auf den Plan, die den Auftrag wollten. Dazu kam es aber nicht: Denn dass zwei Elektro-Tramway-Betriebe in einer Stadt mittleren Größe ihr jeweils eigenes Liniennetz errichten, war dann doch nicht im Sinne des Erfinders

Neuerscheinung: Karl A. Kubinzky: Historisches aus Graz. Geschichte und Geschichten. Leykam 2021.

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