04.09.2021 09:00 |

Christian Gruber

Die Visite vom Doktor mit der Ziehharmonika

Wenn Volksmusikant Christian Gruber mit seiner Steirischen kommt, öffnet sich das Tor zur Erinnerung. Demenz-Patienten profitieren vom Singen mit dem charmanten Steirer.

Bühne, kein Applaus, keine Zugaben und dennoch musiziert Christian Gruber viel lieber vor betagten Menschen im Altersheim als mit stimmungstrunkenen Jugendlichen im Festzelt. Vor fünf Jahren hat sich der weststeirische Musikant eine neue Berufung gesucht und singt und musiziert mit altem Liedgut und Evergreens gegen die Vergesslichkeit.

Mit Gespür und großem Herz
„Ich habe keine Ausbildung zum Musiktherapeuten, aber das richtige Gespür und ein großes Herz für ältere Menschen“, betont der Wirtshaussohn vom Hoiswirt in Modriach, der schon als Vierjähriger die Harmonika erlernte und fortan für Unterhaltung im Gasthaus sorgte. „Den Zugang zu älteren und behinderten Menschen habe ich immer gehabt. Auch den Anspruch, die Menschen mit der Musik zu berühren.“

Für „Christian und seine angeheuerten Aufgeiger“ wurden die Bühnen größer und die Zeit des Heranwachsens mit großen TV-Shows wie „Grand Prix der Volksmusik“ auch spannender. Für die „Aufgeiger“ bleibt dem 38-jährigen Familienvater von zwei Kindern weniger Zeit, denn der Vollblutmusiker gastiert täglich in Altenheimen.

„Mittlerweile besuche ich regelmäßig 35 Seniorenheime und Behinderteneinrichtungen von Gamlitz bis Gratkorn“, bilanziert Christian Gruber stolz, der anfangs noch seinen Großvater mitgenommen hat, weil der Hois-Opa genau gewusst hat, welche Lieder und Melodien das Tor zur Erinnerung öffnen. „Den Namen des Bundeskanzlers kennen die betagten Menschen nicht, dafür jede Strophe vom “Steirischen Brauch", schmunzelt der Musiker, der im gemeinsamen Singen, mit Musikinstrumenten, dezenten Übungen und mit Fotos von Peter Alexander und Hans Moser den Gedächtnismüden raffiniert auf die Sprünge hilft.

Streicheleinheiten für Herz und Hirn
„Ich imitiere immer den Hias, den die alten Menschen lieben. Beim ,Laurenziberg‘ bricht das Eis.“ Die Musik ist ein Lebenselixier, die berührt und bewegt. Selbst Menschen, die verstummt und versteinert in sich selbst zurückgezogen sind, blühen mit der Musik auf, wirken lebendiger und erinnern sich an frühere Tage. In den gemeinsamen Runden und Einzeltherapien wird viel gelacht, aber auch geweint.

Da passieren kleine Wunder, wenn jemand plötzlich vom Rollstuhl aufsteht und mit dem Bein wippt, oder die schwer demenzkranke Frau zu weinen beginnt, weil sie sich beim Mitsingen von „In die Berg bin i gern“ mit ihrem Mann im Kuhstall wiedersieht. Berührend erzählt der Weststeirer von einer Sterbenskranken, deren größter Wunsch es war, dass er für sie auf der Harmonika spielt. „Ich habe es selbstverständlich gemacht, auch wenn es schwer war für mich. Eine Woche später habe ich die Frau genesen im Speisesaal getroffen.“

Wunderdoktor der Volksmusik
Wen wundert es, dass der Heimmusikant schon als Wunderdoktor der Volksmusik bezeichnet wurde und sich die älteren Damen bei seinen Besuchen herausputzen und in die erste Reihe der herzerfrischenden Therapiestunde drängen. „Eine Verehrerin hat sich in mein Auto geschlichen, um mit mir nach Hause zu fahren. Auch ganze Landwirtschaften habe ich schon für meine Streicheleinheiten für Herz und Hirn angeboten bekommen“, lacht Gruber, der auch während der Corona-Zeit den Kontakt zu den Heimbewohnern mit Videobotschaften nicht abreißen ließ. Auch das Singen mit Mundschutz hat die therapeutische Wirkung nicht geschmälert, die wissenschaftlich belegbar ist.

Die Kraft der Musik ist wissenschaftlich belegt
Neurowissenschaftler haben zwei hochaktive Bereiche im Gehirn als Ort des Musikgedächtnisses lokalisiert und festgestellt, dass diese bei vielen an Demenz Erkrankten, Großteils erhalten bleiben. Musik hilft, auch Fähigkeiten ins Bewusstsein zurückzurufen und die Stimmung zu verbessern. Selbst der Stresspegel sinkt und Kurzgedächtnis und Orientierungsfähigkeit verbessern sich.

Diese Studien kennt auch der Musiker, der in jeder Begegnung die Kraft der Musik erfahren kann. Ob er selbst auch, bei all dem was er gesehen und erlebt hat, ins Altenheim gehen wird? „Keine Frage, ich würde sofort ins Altenheim gehen. Wenn ich ehrlich bin, man hat mir schon ein schönes Platzerl angeboten.“

Erich Fuchs
Erich Fuchs
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