20.07.2021 07:00 |

Urteil in Graz

„Zu westlich“: Via Handy zwei Landsfrauen bedroht

Ein raues Sittenbild zeigte sich am Montag bei einem Prozess am Grazer Straflandesgericht: Zwei junge Schwestern aus Tschetschenien wurden von Landsleuten per Handy bedroht und eingeschüchtert, weil sie einen „zu westlichen“ Lebensstil an den Tag legten. Der vermutliche Anrufer dürfte inzwischen wieder abgetaucht sein. Der Handybesitzer musste sich nun wegen Mittäterschaft verantworten und wurde verurteilt ...

Eine 28-jährige Tschetschenin und ihre 25 Jahre alte Schwester leben seit einigen Jahren in Graz. Sie sind gerne hier, beide berufstätig, sprechen gut Deutsch, treffen sich oft mit Freunden und kleiden sich gerne modisch - und ohne Kopftuch. Ihre „westliche Lebensweise“ dürfte einigen männlichen Landsleuten ein Dorn im Auge gewesen sein. Das gipfelte in einem nächtlichen Telefonanruf, der das Leben der Schwestern auf den Kopf stellen sollte.

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Er (der Anrufer, Anm.) hat auch gewusst, wo ich arbeite und zu welchen Zeiten.

Ein Opfer

Verdächtige Gruppe aufgetaucht
Im Juli 2020 läutete nach Mitternacht das Handy der 28-Jährigen, ihre jüngere Schwester hörte mit. Die Nummer war unterdrückt, am anderen Ende der Leitung meldete sich ein Mann in ihrer Muttersprache. Er soll der Frau gesagt haben, sie und ihre Schwester müssten aufhören Dinge zu tun, die in der tschetschenischen Kultur verboten sind. Sollten sie sich nicht ändern, würde ihnen dasselbe Schicksal wie einem Landsmann drohen, dem man angeblich eine Spritze verabreicht hatte und der danach nicht mehr aufgewacht sei. „Er hat auch gewusst, wo ich arbeite und zu welchen Zeiten“, sagt die Frau. Als dann am nächsten Tag auch noch einige Männer bei einem Freund der Schwestern aufkreuzten und drohten seine Tür einzutreten, gingen die Frauen zur Polizei.

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Wir beide kennen uns ja schon. Sie müssen sich jetzt langsam daran gewöhnen, dass es in Ihrem Gastland gewisse Spielregeln gibt!

Richter Helmut Wlasak

„Habe nicht gewusst, was er vorhat
Der mutmaßliche Anrufer ist inzwischen untergetaucht - vermutlich in Tschetschenien. Der Besitzer des Handys, von dem aus der Drohanruf erfolgt ist, stand am Dienstag im Straflandesgericht vor Richter Helmut Wlasak. Der mehrfach vorbestrafte (Diebstähle, Betrug) und derzeit inhaftierte Tschetschene will vom Zweck des Anrufs nichts gewusst haben: „Ich habe ihm mein Handy gegeben - aber nicht gewusst, was er vorhat“, sagte der 38-Jährige, freundlich und ruhig. Er beteuerte immer wieder: „Mit Gewalt habe ich nichts zu tun, ich schwöre es!“

So ganz nimmt ihm der Richter die Rolle als Unschuldslamm nicht ab: Der Mann fasst 22 Monate Haft (nicht rechtskräftig) wegen Beitrag zur versuchten Nötigung aus. „Ich will Sie hier nicht mehr sehen. Und passen’S auf, wem Sie Ihr Handy geben“, so Wlasak zum Abschied.

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