22.05.2021 00:09 |

Nachtkritik

Würdiger Auftakt der Salzburger Pfingstfestspiele

Die Kultur ist zurück - und am Ende durften auch die obligatorischen „Standing Ovations“ nicht fehlen. Das Salzburger Publikum bejubelte am Freitagabend zum Auftakt der Pfingstfestspiele eine überaus ansprechende Inszenierung des Händel-Oratoriums „Il trionfo del Tempo e del Disinganno“. Musikalisch gab es Licht und Schatten, doch das Gesamtpaket wusste zu überzeugen.

Das muss man sich erst einmal trauen. So wie sich zum Auftakt der Salzburger Pfingstfestspiele die Protagonisten in Händels „Il trionfo del Tempo e del Disinganno“ permanent den Spiegel vor Augen halten, tut dies Regisseur Robert Carsen auch gleich mit den anwesenden „Reichen und Schönen“ unter den Festivalgästen. Die Story um Schönheit, Jugend und Vergänglichkeit, Wahrheit und Täuschung lässt er mit einem Wettbewerb der Eitelkeiten, einer Parodie im Stile von „Germany‘s Next Topmodel“ beginnen. Im zweiten Akt kommt es übrigens noch besser. Mit dem Öffnen des Vorhangs blicken die Zuschauer tatsächlich in einen riesigen Spiegel. Aus dem metaphorischen ist ein reales Element der Selbstbeobachtung geworden. Ein Extralob an das gesamte Bühnen-, Kostüm- und Licht-Team (Gideon Davey, Robert Carsen, Peter Van Praet).

Der zeitgenössische Ansatz eines Ausflugs in die Model-, Agentur- und Party-Welt passt perfekt zum thematisierten Schönheitswahn. Hinzu kommt vom Start weg ein kluger Einsatz digitaler bzw. filmischer Elemente auf der Bühne. Sie verstärken die Impressionen, ohne unangenehm die Überhand zu gewinnen. Nur eine Frage bleibt bis zum Ende unbeantwortet (und hängt wohl ganz vom persönlichen Geschmack jedes Besuchers ab): Verträgt sich eine derart moderne Sichtweise des Stoffs wirklich dauerhaft mit den Klängen eines Barockorchesters?

Das mit der Barockmusik ist ohnehin so eine Sache und selbst unter Experten umstritten. So wie sich Pferdekutschen zu Autos weiterentwickelt haben, hat sich auch die Musik im Laufe der Jahrhunderte weiterentwickelt. Ein naturgemäß dünner besetztes Barockorchester wie bei den Pfingstfestspielen die „Les Musiciens du Prince-Monaco“ unter der Leitung von Gianluca Capuano tut sich erfahrungsgemäß deutlich schwerer, eine szenische Produktion über einen ganzen Abend hinweg zu tragen, als dies bei einem großen Sinfonieorchester und einer klassischen Oper der Fall wäre. Zumal man sich am Premierenabend einige Male etwas mehr Dynamik aus dem Orchestergraben gewünscht hätte.

Und schließlich wechselten sich auch bei den gesanglichen Leistungen des Festivalauftakts einige Male Licht und Schatten ab. Während die männlichen Protagonisten Lawrence Zazzo (Disinganno) und Charles Workman (Tempo) kontinuierlich auf höchstem Level agierten, ließen die beiden Damen im ersten Akt noch deutlich Luft nach oben. Die anfänglich sehr zurückhaltende Sopranistin Mélissa Petit (Bellezza) wirkte, als hätte sie in der kurzen Pause zwischen ersten und zweitem Teil wie bei einem Fußballmatch eine Kabinenpredigt bekommen: „Hallo, das sind die Festspiele. Zeig, was Du kannst!“ Und das tat sie dann auch.

Ebenso Cecilia Bartoli (Piacere), die ebenfalls erst mit Fortdauer des Stücks richtig auftaute, dafür dann aber mit der Arie „Lascia la spina, cogli la rosa“ einen Glanzpunkt setzte. So wie Vollprofis das eben tun. Für den ersten Höhepunkt des Abends hatte zuvor Countertenor Lawrence Zazzo gesorgt. Seine tief empfundene, berührende Interpretation von „Crede l‘uom ch‘egli riposi“ erntete spontanen und hochverdienten Szenenapplaus.

Fazit: Die Balance und das Gesamtpaket der Aufführung überzeugten. Je länger das Händel-Oratorium dauerte, desto mehr nahm sich die sensibel abgestimmte Inszenierung zurück, während umgekehrt die Sängerinnen und Sänger zunehmend aufblühten. Ein würdiger Auftakt der Salzburger Pfingstfestspiele.

Thomas Manhart
Thomas Manhart
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