08.04.2021 06:30 |

Steirer als Pioniere

Neue Behandlungsmethode hilft gegen Magersucht

Die Corona-Krise löst vor allem bei vielen Steirerinnen Essstörungen aus. Marguerite Dunitz-Scheer und ihr Team in Graz sind mit einer neuen Methode oft die letzte Rettung: Sie behandeln via Telemedizin.

Es waren schicksalhafte Tage Mitte März des vergangenen Jahres, als der erste Lockdown in Kraft trat. Für Magersucht-Patienten stand viel am Spiel, denn plötzlich hatte Covid Vorrang. „Die Kliniken mussten von heute auf morgen fast alle Anorexie-Patientinnen entlassen“, sagt Marguerite Dunitz-Scheer. „Das sind aber meistens keine Zwei-Wochen-Aufenthalte, sondern sie dauern monatelang.“

Die Kinderärztin beschäftigt sich schon seit 1977 mit dem Thema Anorexie. In Graz hat sie das Zentrum „No Tube“ für Kleinkinder mit Essstörungen aufgebaut - und hat dort schon jahrelange Erfahrung mit der Telemedizin gesammelt.

Angestoßen durch Corona kommt die Telemedizin nun auch bei Jugendlichen zum Einsatz. „Für die Familien war die Situation zuhause dramatisch und unerwartet. Manche Patientinnen waren im Krankenhaus nur von der Sonde ernährt worden“, erzählt die Ärztin. „Wir mussten uns von heute auf morgen überlegen, wie wir diese Teenager betreuen können.“

Fehlen von Schule und Freunden als Auslöser
Während der Krise sind die Zahlen der Betroffenen gestiegen, sagt Dunitz-Scheer. „Das sind oft Mittelschicht-Familien, bei denen auf den ersten Blick alles stimmt. Und dann passiert so etwas“, erklärt sie. Die Gefahr war besonders groß, da das für Pubertierende so wichtige Umfeld weggebrochen ist. „Das war für viele die Atemluft. Und die Verführung, sich mit dem Essen und Körper zu beschäftigen, war jetzt größer, weil so viel anderes weggefallen ist. “

Die Dunkelziffer sei bei Magersucht aber noch höher, denn die Grenze zwischen Diät und Krankheit ist fließend. „Es ist sowieso ein Tabu-Thema, und dann gab es im Lockdown auch noch den Druck, nicht zum Arzt zu gehen.“

„Man lebt mit den Familien mit“
Nach einem Jahr bilanziert Dunitz-Scheer durchwegs positiv über die telemedizinische Betreuung. „Von acht Patientinnen musste eine einzige zurück auf die Klinik - alle anderen haben wir aus der Magersucht gebracht. Bei chronischen Anorexien ist das ein erstaunlicher Erfolg.“

Wie das gelungen ist? Der Erfolg hat mehrere Gründe, sagt die Kinderärztin. Erstens braucht jeder Patient einen Arzt, der ihn zwei bis dreimal die Woche vor Ort wiegt. „Wir haben die Kollegen instruiert, dass zu dieser Krankheit auch Schwindeln dazugehört. Zum Beispiel trinken manche vor dem Wiegen vier Liter Wasser.“

Durch den Kontakt über Smartphone und Co. könne man außerdem besser auf das Lebensumfeld der Patienten eingehen. „Die Eltern melden sich dreimal am Tag bei uns. Es geht um Fragen des Alltags, des Zusammenlebens.“ Dazu bekommen die Teenager einen Kanal, auf dem sie ungestört von den Eltern mit dem Ärzteteam kommunizieren können.

Erste Anzeichen für eine Magersucht sind unscheinbar
Wer sich nun fragt, ob sein Kind gefährdet sein könnte, soll auf folgende Dinge achten: „Verändertes Essverhalten, neue Kochmethoden, Abneigung gegen Öl, Zucker, Weißmehl und so weiter“, so die Expertin. Versuchen Kinder ihr Dünnsein zu verstecken, sollte man das Gewicht überprüfen und sich Hilfe holen.

Hannah Michaeler
Hannah Michaeler
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