22.11.2020 10:27 |

Personal berichtet

Coronavirus: Die Dramen auf den Intensivstationen

Tausende Covid-Infizierte werden derzeit in unseren Kliniken behandelt. Und täglich werden es mehr. Mediziner warnen bereits vor einem Kollaps des Gesundheitssystems. In der „Krone“ sprechen Ärzte und Pfleger über den Kampf Hunderter Schwersterkrankter - gegen den Tod.

Er war ein Patient, der beste Heilungschancen zu haben schien. Schließlich hatte der 31-Jährige bis zu seiner Covid-Infektion als topfit gegolten. Er gehörte somit nicht zu einer Risikogruppe. Hinzu kam: Wie so viele Corona-Positive verspürte der junge Mann anfangs bloß leichte Symptome – ein wenig Husten, Halsweh, Fieber. Also blieb er vorerst in Heimquarantäne und dachte, seine Beschwerden würden rasch vergehen.

Aber nach ein paar Tagen verschlechterte sich plötzlich sein Zustand, er bekam Schwierigkeiten beim Atmen; in der Folge wurde er ins Uniklinikum Salzburg gebracht. Und bald schon war seine Verlegung von einer Normal- auf die Intensivstation notwendig.

Gestorben an Corona – mit 31 Jahren
Trotz der unzähligen medizinischen Maßnahmen, die danach über Wochen an ihm geschahen, schaffte er es nicht, den Kampf gegen das Virus und seine entsetzlichen Nachwirkungen zu gewinnen. Letztlich versagten alle seine Organe – und er starb. „Dieser tragische Fall“, so Intensivpflegerin Marion De Tomaso, die den 31-Jährigen bis zu seinem Tod betreut hat, „zeigt, wie gefährlich Corona ist, welch schreckliche Schäden es anrichten kann.“

Und das Schicksal dieses Patienten mache zudem klar, „dass selbst junge, kerngesunde Menschen nicht vor schlimmen Krankheitsverläufen gefeit sind“. Was Statistiken belegen: Der Großteil der derzeit in Österreichs Spitälern untergebrachten Covid-Infizierten ist zwischen 40 und 60 Jahre alt. „Und es sind mitunter noch viel jüngere darunter“, berichtet Thomas Staudinger, Intensivmediziner im AKH-Wien: „Auf meiner Station liegt gerade ein 21-Jähriger.“ Ein 21-Jähriger, angeschlossen an eine Herz-Lungen-Maschine; im künstlichen Tiefschlaf.

Und der Facharzt erzählt weiter aus seinen Erfahrungen mit Schwerstbetroffenen: „Bei einem Viertel von ihnen sind keine Vorerkrankungen erfassbar.“ Hinzu komme, dass bereits „Geschädigte“ – etwa an Bluthochdruck oder Diabetes Leidende – „in der Regel ihre Krankheiten durch die Einnahme von Medikamenten prima im Griff hatten.“ Bis zu ihrer Ansteckung mit dem Virus, „von dem wir ja erst so wenig wissen und dessen Behandlung uns daher oft vor kaum lösbare Aufgaben stellt“.

„Können derzeit nur Symptome behandeln“
Ähnliches erzählt eine Berufskollegin von Staudinger – Lena Krauter vom Uniklinikum Salzburg: „Wir können derzeit nur Symptome behandeln. Mittlerweile gehen wir davon aus, dass Cortison halbwegs gut wirkt.“ Unerlässlich wäre zudem die Verabreichung von Blutverdünnern: „Denn bei Covid-Patienten bilden sich ziemlich häufig Thrombosen. Die zu Lungen-, Herzinfarkten und Schlaganfällen führen können.“

Zurück zu den Patienten, die auf Intensivstationen liegen, und – wie die beiden Mediziner betonen – „ständig mehr werden“. Die Beschwerden dieser Menschen; ihre Behandlung? „Sie brauchen Beatmungshilfen, manche bekommen sie im Wachzustand. Bei der Zuhilfenahme umfassenderer Methoden ist das allerdings lediglich bei einer starken Sedierung möglich. Weil die Betroffenen die erforderlichen Eingriffe bei vollem Bewusstsein nicht ertragen würden.“ Die Intubation, die Einleitung von Schläuchen in ihre Körper. Die damit verbundenen Schmerzen – und der dadurch ausgelöste Stress.

Sogar bei Narkotisierten sei merkbar, wenn sie in belastende Situationen geraten. „Und dann“, so Karin Freudorfer, Intensivstationsleiterin im Wiener AKH, „müssen wir schnell reagieren und den Kranken Substanzen zuführen, die sie aus diesen negativen Zuständen befreien.“ Andernfalls würden nämlich ihre Heilungsprozesse beeinträchtigt. Und leider, es passiert, in kritischen Phasen, „vor allem, wenn wir Patienten langsam aufwachen lassen wollen - dass sie versuchen, Schläuche aus sich zu reißen. Denn sie befinden sich in einer Art Delir.“

Sie wissen demnach nicht, wo sie sich befinden. Sie wissen nicht, warum sie an Maschinen angeschlossen sind. Sie wissen nichts über die Krankheit, die sie in diese Lage gebracht hat. Sie wissen nichts über ihre Vergangenheit - und damit auch nichts über ihr Jetzt.

„Wir sprechen viel zu ihnen“
Wie verläuft der Alltag mit den Betroffenen, auf psychischer Ebene? „Wir sprechen viel zu ihnen“, sagt Ole Gräßler, Intensivpfleger im Uniklinikum Salzburg: „Wir erklären ihnen - ohne zu ahnen, ob sie uns hören - jeden Behandlungsschritt. Wir muntern sie auf; wir erzählen ihnen Geschichten über Menschen, die ebenso stark wie sie an Corona erkrankt waren - und wieder gesund geworden sind.“

Das unter enormen körperlichen und seelischen Belastungen stehende Krankenhauspersonal - natürlich arbeitet es in schwerer Schutzkleidung, Pausen gibt es selten, die Konfrontation mit grauenhaften Schicksalen ist allgegenwärtig - tut auch zusätzlich noch so viel, um den Betroffenen ein wenig Normalität und Erinnerungen an schöne Zeiten zu vermitteln. Indem die Patienten zum Beispiel mit Parfum, das sie oder ihnen Nahestehende mögen, besprüht und ihnen ihre Lieblingslieder und Sprachnachrichten von Angehörigen und Freunden vorgespielt werden.

„Da habe ich vor Freude geweint“
„Da war eine junge Mutter“, erzählt Freudorfer, „deren Geschichte mir sehr nahe gegangen ist. Ihre 14-jährige Tochter hatte den Notruf gewählt, als der Zustand der Frau extrem schlecht geworden war. Während sie dann in künstlichem Tiefschlaf lag, ließ ich immer wieder per Handy das Mädchen zu ihr reden. Und irgendwann kam der wunderbare Moment: Die Covid-Kranke wachte auf und telefonierte danach gleich mit ihrem Kind. Während des Gesprächs haben nicht nur die beiden, sondern auch ich geweint. Vor Freude.“

Martina Prewein, Kronen Zeitung

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