14.10.2020 14:32 |

Bedingte Haftstrafe

Frau machte Leben der besten Freundin zur Hölle

„Das Ganze ist ein Wahnsinn“, war selbst die Richterin im Landesgericht Salzburg entsetzt. Eine junge Pinzgauerin hat ihre beste Freundin über zwei Jahre mit einem perfiden Lügenkonstrukt fast in den Suizid getrieben. Sie erfand unzählige Schein-Identitäten, gab sich über soziale Medien als Liebhaber aus und griff so massiv in das Leben des Opfers ein: mit schweren psychischen Folgen. Ein Schöffensenat verurteilte die Angeklagte unter anderem wegen versuchter Mithilfe am Suizid zu einem Jahr Haft auf Bewährung - nicht rechtskräftig.

Der Anklage nach hat die Pinzgauerin 2016 begonnen, Schein-Identitäten zu kreieren. Beispielsweise gab sie sich als ein echter Profi-Eishockeyspieler aus: weil die damalige beste Freundin Gefallen an dem Mann hatte. Monatelang schrieb sie unter dem Sportler-Alias der Frau, machte ihr Avancen - bis die Sache nach einem Jahr aufflog. Noch schlimmer trieb sie es mit einer anderen besten Freundin: Als „Mike“ flirtete sie mit ihrer Freundin, erfand noch unzählige weitere Identitäten wie „Melanie“ - die Freundin und in der Folge dann die „Ex“ von „Mike“. Die Lügengeschichte ging weit, viel zu weit: von Krebserkrankungen bis hin zu Umzug und Hochzeit.

Zwei Jahre lang schrieb sie als „Mike“ oder „Melanie“ mit ihrer besten Freundin, erfand etliche teils dramatische Vorfälle, erstellte dazu Dutzende Fake-Accounts und flirtete mit dem Opfer, bis sogar eine Beziehung daraus wurde. Doch in Realität spielte sich alles nur am Smartphone ab - täglich schrieb man sich, teils bis in die Nachtstunden. 

Via Snapchat zu gemeinsamem Suizid verleitet
Bis die Sache im Juli 2018 vollends eskalierte: Das Opfer unternahm einen Suizidversuch, musste auch in der Folge mehrmals stationär in der Nervenklinik aufgenommen werden. Und dann hat sie laut Anklage als „Melanie“ in einer Snapchat-Nachricht vorgeschlagen, sich „gemeinsam selbst umzubringen“. Um danach als echte Freundin Trost zu spenden und sich als Retterin darzustellen.

Während die Angeklagte diese strafrechtlich entscheidende Nachricht so nicht geschrieben haben will, war sich das Opfer im Landesgericht „ganz sicher“. Nicht nur das: Die Frau richtete ihr Leben nach dem erfundenen „Mike“ aus, sprach beim Prozess von Befehlen wie bestimmte Freunde nicht mehr zu treffen oder die Haare zu färben. Ein Treffen konnte die Angeklagte durch „gute Ausreden“ immer wieder verhindern, führte das Opfer im Zeugenstand aus und betonte: „Mir ist alles zu viel geworden.“

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Mir ist alles zu viel geworden.

Das Opfer vor Gericht

Motiv ließ Pinzgauerin unbeantwortet
Das Kartenhaus fiel durch eine Freundin des Opfers zusammen: Die hatte bereits den Verdacht, dass etwas nicht stimmt, und konnte durch geschickt geschriebene Nachrichten das Lügenkonstrukt enttarnen. Nicht nur bestätigte sie das, was bereits das Opfer erzählte, sie meinte auch: „Davor war sie ein normales, glückliches Mädchen“.

Als „perfid“ bezeichnete Opfer-Anwalt Stefan Rieder das Geschehene, bezeichnete die Angeklagte als „Manipulatorin“ mit einem gewissen Besitzanspruch: „Sie wollte wohl die Opfer als alleinige Freundinnen haben.“ Dass das Ganze „moralisch verwerflich“ war, unterstrich auch Verteidiger Kurt Jelinek: „Es war vielleicht anfangs gut gemeint, aber es ist ihr völlig entglitten. Sie steht auch dazu, es tut ihr leid.“ Doch die Frage nach dem „Warum“ konnte oder wollte die Angeklagte nicht beantworten: „Ich bereue es.“

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Es war vielleicht anfangs gut gemeint, aber es ist ihr völlig entglitten. Sie steht auch dazu, es tut ihr leid.

Verteidiger Kurt Jelinek

Gericht sah Opfer als glaubwürdig
Ein Jahr Bewährungsstrafe sprach Richterin Christina Bayrhammer aus: Nur aufgrund ihrer Unbescholtenheit sei es keine Haftstrafe, erläuterte die Richterin, die auch die Weisung zu einer Psychotherapie gab. „Sie gehören unbedingt behandelt.“ Die Angeklagte nahm Bedenkzeit, das Urteil ist daher nicht rechtskräftig.

Antonio Lovric
Antonio Lovric
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