07.10.2020 07:01 |

Abstand unmöglich

Wie Corona den Alltag blinder Menschen erschwert

Abstand, Scheue vor Berührungen fehlende Spendengelder: Für blinde und sehbehinderte Steirerinnen und Steirer hat die Corona-Krise noch dramatischere Auswirkungen.

Es ist verwunderlich, wie viel sehende Menschen übersehen. Wenn Robert Wölfler mit dem Bus oder mit der Bim fahren möchte, muss er sich mit seinem Blindenstock am Leitsystem am Boden, an Gehsteigkanten und Hausmauern entlangtasten. Er muss sich auf das Piepen der Ampel verlassen. Und auf die Hilfe anderer.

In Graz hat jede Haltestelle ein genopptes Feld. Wenn dort ein als blind erkennbarer Mensch wartet, bleibt der Öffi-Fahrer so stehen, dass man an der ersten Tür einsteigen kann. „Graz ist bei der Infrastruktur ganz weit vorne“, lobt Christian Schoier, Obmann des Blinden- und Sehbehindertenverbandes Steiermark. „Und das potenziert sich – mehr blinde Menschen ziehen in die Stadt und wollen dann nicht mehr weg“, sagt Ann Linhart-Eicher, die für Verkehrsthemen zuständig ist.

Die Corona-Krise hat dennoch für mehr Hürden im Alltag gesorgt. Bei alten Bim-Garnituren durfte man nicht bei der ersten Tür einsteigen, weil die Fahrerkabine nicht abgetrennt ist. „Die Fahrer waren aber sehr nett und haben die Leute teilweise zum zweiten Eingang gelotst“, sagt Schoier.

Doch das ist nicht alles. Gerade jene, die durch Unfall oder Krankheit plötzlich erblinden, fallen psychisch oft in ein Loch. „Normalerweise haben wir dafür Treffen zum Austauschen von Tipps. Die Hilfe untereinander ist enorm wichtig. Durch Corona ist das jetzt nicht möglich“, erklärt Schoier. Dazu kommen finanzielle Einbußen, weil der Verband seine Abendessen im Dunkeln und Workshops nicht abhalten kann.

Abstand halten ist schwer möglich
Und überhaupt: „Wenn ich ihn nicht sehe, kann ich den Abstand nicht einhalten“, sagt Schoier. Auch Didi Ogris vom Verein Selbstbestimmt Leben erzählt von Schwierigkeiten im Alltag: „Zum Beispiel beim Einkaufen muss eine blinde Person von einer Assistenz geführt werden“, erklärt er. „Da gibt es keinen Abstand.“

Schon zu Beginn der Krise habe der Bund auf Menschen mit Behinderung, die nicht in Einrichtungen leben, vergessen. Es habe keine Schutzausrüstung für Assistenten gegeben, dazu kam die Angst, sich zu infizieren. Noch dazu ist jedes Schriftstück ein Hindernis, wenn man keine technische Hilfe oder einen Assistenten zum Vorlesen hat. „Deswegen ist es gut, dass negative Covid-Test-Ergebnisse jetzt via SMS kommen, die kann man sich nämlich vorlesen lassen“, sagt Ogris.

So schwierig die Situation auch sei – bei zwei Dingen sind sich Ogris und Schoier einig: Es darf auf keinen Fall zu Vereinsamung kommen. Und: „Die Steiermark ist was Behindertenhilfe angeht ein österreichweiter Vorreiter.“

Hannah Michaeler
Hannah Michaeler
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