15.06.2020 06:30 |

Er sah sich als Opfer

Amokfahrer mimte vor Gericht den Unschuldsengel

Alen R. sah sich selbst in der Opferrolle. Er sei ja schließlich auch verfolgt worden. Im Vorfeld war bereits eine Diskussionen um seinen Geisteszustand entbrannt.

Mit einem strahlend weißen Anzug bekleidet, quasi als Unschuldsengel, betrat Alen R. am 20. September 2016 den Grazer Schwurgerichtssaal. Die Haare sauber gekämmt, die viel zu langen Ärmel seines Sakkos verdeckten die Handschellen, die schmalen Schultern füllten das Kleidungsstück bei Weitem nicht aus, die Hose flatterte. Der Schein trog.

Zurechnungsfähig oder nicht?
Dreifacher Mord, 108-facher Mordversuch – deswegen musste sich der gebürtige Bosnier vor dem Geschworenengericht unter dem Vorsitz von Richter Andreas Rom verantworten. Als „Betroffener“ wohlgemerkt, nicht als „Angeklagter“. Denn der Staatsanwalt ging davon aus, dass er zum Tatzeitpunkt nicht zurechnungsfähig gewesen war, und somit auch nicht schuldfähig. Unterschiedliche Gutachten über dessen Geisteszustand sorgten im Vorfeld bereits für reichlich Diskussionsstoff.

„Das Kind lag da wie eine Puppe“
Schockierende Zeugenaussagen trieben den Zuhörern die Tränen in die Augen: „Der SUV ist auf mich und meine Mutter zugefahren. Ich habe den Windhauch vom Auto gespürt. Hinter uns war ein Pärchen. Er hat das Mädchen voll erwischt.“ Oder: „Der Fahrer ist den Kleiderständern ausgewichen und hat das Kind anvisiert. Wie eine Puppe lag es dann da. Dieses Kind, das man vor einer Minute noch gesehen hat, wie es sich bewegt hat.“

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Der Fahrer ist den Kleiderständern ausgewichen und hat das Kind anvisiert. Wie eine Puppe lag es dann da. Dieses Kind, das man vor einer Minute noch gesehen hat, wie es sich bewegt hat.

Die erschütternde Aussage eines Zeugen

Täter fühlte sich als Opfer
Alen R. fühlte sich jedoch weiter als Opfer. Er sei ja auch verfolgt worden. Entgegen des Obergutachtens gingen die Geschworenen letztendlich aber davon aus, dass er in vollem Bewusstsein gehandelt hatte. Der Amokfahrer von Graz verbüßt jetzt eine lebenslange Haftstrafe in einer Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher.

„Viele warten noch auf eine Entschuldigung“
Die Wahnsinnstat wird nie vergessen werden, viele leiden weiterhin an den Folgen. Der Grazer Anwalt Gunther Ledolter vertrat im Prozess 50 Opfer, etliche traf er am Krankenbett zu einer ersten Besprechung. Selbst für ihn, der schon viel erlebt hat, eine Ausnahmesituation.

Auch heute noch sitzt der Schock bei seinen Mandanten tief: „Die psychischen Folgen werden sie vermutlich noch lange begleiten. Manche fragen regelmäßig, ob der Täter wohl noch inhaftiert ist und wo er untergebracht ist. Einige warten auf eine Entschuldigung.“

Noch sind nicht alle Akten geschlossen
Ein gemütlicher Spaziergang durch Graz ist für manche immer noch unmöglich, andere leiden nach wie vor unter extremen Schmerzen, können nicht mehr arbeiten. „Einige Akten konnten bis heute nicht geschlossen werden.“ So mancher kämpft weiterhin um Schadenersatz. „Es ist bewundernswert, wie sie ihr Schicksal meistern.“

Monika Krisper
Monika Krisper
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