25.03.2020 08:00 |

In Zeiten des Virus:

Es ändert sich vieles, aber nicht alles

NOlympics hat die Verschiebung der Olympischen Sommerspiele in Tokio als Bewegung der Vernünftigen betrieben. Was absehbar war, ist nun fix: Olympia wird verschoben. Dabei sein ist alles? In Coronazeiten im Gegenteil.

Die Hintergründe des langen Zögerns bis zur Absage waren die wirtschaftlichen Interessen und die Entschlossenheit des japanischen Premiers Shinzo Abe, die Sommerspiele durchzuziehen.

Nun fällt einem bei dieser Absage mit Blick auf den Kalender eine bemerkenswerte Parallele auf. Olympia hätte am 16. Juli beginnen sollen - eine Woche vor der Eröffnung der Salzburger Festspiele am 24. Juli. Diese hätten heuer mit dem 100-Jahr-Jubiläum und den mutmaßlich letzten Spielen unter der Präsidentschaft von Helga Rabl-Stadler ein ganz besonderes Festival werden sollen. Und das kann es auch noch immer werden. Nur eben völlig anders als geplant.

Es fällt einem die Vorstellung schwer, dass in diesem Jahr die Künstler aus aller Welt nach Salzburg einfliegen. Der Gedanke, dass sich die herausragendsten Musiker im Orchestergraben zusammendrängen, kommt einem heute wie eine Utopie vor. Die Möglichkeit, dass Konvois dunkler Limousinen mit Prominenz aus Europa und aus Übersee in der Hofstallgasse vorfahren, wirkt grotesk. Es wäre ein aus der Zeit gefallener Albtraum, würde Präsident Wladimir Putin als Ehrengast über den roten Teppich vor der Felsenreitschule schreiten.

Nein, das kann es alles in dieser Form kaum geben.

Das Drama, das wir global und durch die sozialen Medien in Echtzeit öffentlich erleben, an dem wir alle teilhaben, das Theater, das uns im wahrsten Sinne des Wortes an die Kehlen geht, kann nicht durch Rückzug auf die Bühnen verdrängt werden.

Das wird es nicht spielen.

Schon aus Respekt vor den von den Folgen der Pandemie betroffenen Menschen.

Aber es kann etwas anders geben. Etwas ganz Großes, aber völlig Neues. Es kann ein Fest des Zusammenhalts und des Durchhaltens für Österreich und für die Welt geben. Man muss nur mit dem Unbestimmten, dem Unvorhersehbaren umgehen und Alternativen entwickeln. Und zwar jetzt.

Dann könnten die Salzburger Festspiele auch 100 Jahre nach ihrer Gründung ein einmaliges Erlebnis werden. Ein Ereignis, an dem alle teilhaben können. Ein grandioses Fest für alle. Für die Krankenschwestern und Ärzte, die Pfleger und Professoren, die Geschäftsbesitzer und die Verkäuferinnen, die Virologen und Müllfahrer, die Chefredakteure und Zeitungszusteller, die Hotelbesitzer und Mitarbeiter - eine große Zusammenkunft als Anfang einer Demokratisierung der schönen Künste.

Man muss bloß die Bereitschaft haben, nicht an alten Gewohnheiten festzuhalten. Mit dem großartigen Markus Hinterhäuser hätten die Salzburger Festspiele einen künstlerischen Leiter, der über die Fähigkeit verfügt, entsprechende Konzepte zu entwickeln.

Digitale Techniken und künstliche Intelligenz ermöglichen vieles. Schon jetzt sind Pianisten und Geiger auf Twitter und Facebook zu hören und zu sehen. Galeristen wie Thaddaeus Ropac planen für die Kunstmessen virtuelle Viewing Rooms, Museen lassen sich mit Mobiltelefonen besuchen. In der Kreativszene sind viele zu finden, die Mut und Offenheit besitzen.

So könnte die Harfenistin in Osaka bleiben und mit dem Cellisten aus Buenos Aires und dem Bassisten aus Modena elektronisch vernetzt von einem Dirigenten am Attersee durch die komplexesten Werke geführt werden. Technisch gewiss visionär, vieles heute vielleicht noch nicht perfekt umsetzbar. Aber das hier sei freilich bloß als ein erstes Denkexperiment, als Fantasie, als kleiner Anstoß gedacht. Und es ist jedenfalls fruchtbarer als die Beschäftigung mit den exponentiellen Berechnungen über die weitere Entwicklung des Virus.

Das verlangt Auseinandersetzung. Wir wissen, dass das Verlassen der sozialen Resonanzräume, die Übersiedlung des Analogen in das digitale Universum niemals die unmittelbare Echtheit des direkten Erlebens ersetzen kann. Doch bisweilen ist es besser, man macht es anders, bevor nichts geschieht. Angesichts der Gesamtlage muss teilweiser Verzicht auf Tradition möglich sein. Dazu dürfen die Festspiele die Tempel der Ernsthaftigkeit vorübergehend verlassen.

Nachdenkstoff über uns und unsere Existenz bietet uns die Wirklichkeit genug.

Die rasante Verwandlung der Welt hat unser Sensorium ohnehin auf Gefahr geeicht. Der Bedarf am inszenierten Politischen wäre vorerst gedeckt. Am besten wäre, alle würden schweigen, die Gegenwart ist Rede genug. Die Künstler sollen spielen und uns glücklich machen. Und sei es nur für eine kurze Zeit.

Claus Pandi
Claus Pandi
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