09.02.2020 06:00 |

Schlagfertig

Die Realität der Superhelden

„Einer braucht den andern, nicht nur auf dieser Welt, sondern sozusagen auch im metaphysischen Sinn. Sie gehören alle zueinander und was das Beste ist, liegt zwischen ihnen: Es ist augenblicklich und ewig und hier ist Raum für Musik." Das schreibt Hugo von Hofmannsthal in seinen Nachbetrachtungen zu Richard Strauss‘ Rosenkavalier. Diese Beobachtungen könnten aktueller nicht sein.

In diesen Tagen sollten wir unser Augenmerk auf die Zwischentöne legen. Dort, wo die großen Meister der Kunst ihre Botschaften verstecken und zugleich klarer nicht sein könnten.

In kaum einem Werk ist Schein und Sein besser illustriert. Hinter den süßlichen Tönen verbergen sich bereits die Akkorde der Disharmonie. Während wir die vor Kraft strotzende Themensetzung des Superhelden bewundern, seine Elastizität, seine schelmische Wendigkeit, seinen unbedingten Willen zu Macht und Kontrolle - verborgen hinter einer dicken Glasur rosaroter Punschkrapferl-Attitüde -, werden die 12-Tonreihen aus dem Hinterhalt immer besser hörbar.

Der Meister und seine Berater - man sollte ihnen die Salzburger Festspielbühnen überlassen.

Das wäre zum Vorteil aller. Das Publikum würde großartige Bühnenspiele erleben. Meisterstücke von der nur vordergründigen Macht der Mächtigen, die doch nur als Marionetten ohnmächtig von einer Fokusgruppen-Umfrage zur nächsten stolpern, von Hinterhalt, Intrige und Rache an all jenen, die aus Überzeugung, Kalkül oder auch ganz grundsätzlicher Sorge nicht mitmachen wollten.

Der Held, immer im besten Licht in Szene gesetzt, mit wechselnden Statistenbesetzungen, bewusst ausgesucht ihn zu huldigen und zu preisen, wirkt größer, schöner und mächtiger denn je. Er kontrolliert Werk, Szenerie, Licht, Besetzung und die Inszenierung.

Seine größte Sorge: ein gelangweiltes Publikum, das beginnt, sich für das Geschehen hinter der Szenerie zu interessieren und Fragen zu stellen. Dort, wo kein Licht, kein Nebel, keine Schminke die Realität verdecken können.

Wer nicht für ihn ist, ist gegen ihn. Und da gibt es die Widerborstigen in diesem Theater. Jene, die ganz neutral aufzeigen wollen, was ist. Die meinen, ein Theater müsse auch Realitäten abbilden und infrage stellen können.

Nur mit der Geschichte und Inszenierung des Superhelden ist das gar nicht kompatibel. Er will kein liberales, meinungsfreies Theater. Er fordert Disziplin bis zur Selbstaufgabe.

Also bekämpft er sie - meist aus dem Hinterhalt. Hier ein Gerücht, da eine Intrige. Mal ein verstecktes Foul in der Theaterkantine, dort der sich plötzlich öffnende Bühnenboden. Wo ganz zufällig jene landen, die von einem anderen Theater träumten.

Vordergründig wird das Unglück der Gefallenen betrauert, doch insgeheim wird gefeiert. Wieder einer weniger.

Die andere Theatertruppe ist ratlos. Dort drüben, ins Theater des Superhelden, strömt das Publikum hin. Er begeistert mit immer neuen Special Effects, Sponsoren finanzieren seine kühnsten Ideen. Steckengeblieben in den gloriosen früheren Zeiten ist man selbst einfach nicht en vogue.Akteure von Licht, Ton oder Bühnenbild bekämpfen sich mehr gegenseitig statt einer gemeinsamen Idee zu folgen.

In der Musik ist meist der Kontrapunkt der Schlüssel zur Wende. Wahrhaftigkeit, Authentizität, uneingeschränkte Nähe zum Publikum, das Werben um jeden einzelnen Zuhörer, Transparenz und Leidenschaft. Das sind die wahren Fähigkeiten von wirklich großen Künstlern.

Martin Grubinger

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