19.01.2020 06:17 |

Schlagfertig

Wenn der große Meister lächelt

Percussion-Weltstar Martin Grubingers „Krone“-Kolumne „Schlagfertig“

Seit 15 Minuten fuchtelte der Typ bereits mit seinem Handy herum, filmte meine Instrumente und alles, was ich darauf zur Vorbereitung unserer Aufnahmesession in Hollywood spielte. Ich war schon ein wenig genervt, denn in diesen Dingen bin ich heikel. Manche meiner Freunde meinen sogar, ich würde leicht paranoide Züge in dieser Sache aufweisen.

Wie auch immer: Jeder Schlagzeuger hat so seine Geheimnisse. Die will man einfach nicht dokumentiert haben. Sei es in der Spielweise, bei der Wahl des Materials oder auch, wie manche Instrumente vor dem Auftritt besonders präpariert werden. Und ich hatte mir für die CD-Aufnahme in Los Angeles einige spezielle Dinge einfallen lassen. Nichts also, was ich massenhaft auf diversen Social-Media-Kanälen verbreitet wissen möchte.

Also wollte ich den Mann mit seinem Handy darauf hinweisen, dass damit jetzt Schluss sein müsse, nichts davon veröffentlicht werden dürfe. In dem Moment, als ich mich zu ihm hinwende, halte ich kurz inne. Moment: das war doch, das ist doch . . . ?

Neben mir steht der Bassist Michael Valerio. Ich frage ihn: „Mike, ist der Typ mit dem Handy vielleicht Steven Spielberg?“ Mike antwortet: „Ja, klar. Das ist Steven. Er hängt hier schon seit Tagen rum und filmt uns bei den Arbeiten nonstop mit seinem Telefon. Er benimmt sich wie ein Kind im Candy-Shop.“

 Für Musiker in Hollywood ist das ziemlich normal, alle diese Größen des Geschäfts bei diversen Anlässen anzutreffen. Für einen Schlagzeuger aus Österreich war es das nicht. Sie können sich gut vorstellen, dass ich Herrn Spielberg das Filmen nicht untersagt habe.

Doch dann kam der Mann, der mich einige Monate davor angerufen und mich gebeten hatte, für diese Aufnahme nach Hollywood zu kommen. John Williams, vielfacher Oscar-, Grammy-, Emmy- und Was es alles sonst noch gibt-Gewinner. Die Legende amerikanischer Filmmusik schlechthin. Er hat, wie kein anderer, das Filmmusik- Geschehen in Hollywood über Jahrzehnte geprägt. Natürlich erinnert man sich zuallererst an Star Wars, Indiana Jones, Jurassic Park und Schindlers Liste. Aber da ist in seinem gesamten Oeuvre noch viel, viel mehr. Aber das können Sie natürlich alles bei Google nachlesen.

John hatte einige Konzerte von mir mit dem Los Angeles Philharmonic Orchestra gehört und daraus war ein kontinuierlicher Austausch entstanden. Und für die Filmmusik von „Catch me if you can“ (da geht es um den Trickbetrüger Frank William Abignale gespielt von Leonardo di Caprio) hatte er ein paar besondere Ideen, die ich für ihn umsetzen durfte.

Wie fast alle meine Musikerkollegen liebe ich die Musik von John Williams. Da kommt großartiges Handwerk mit sehr viel Kreativität, Einfühlungsvermögen für die einzelnen Film-Plots und Traditionsbewusstsein für die Musik von Mahler, Bruckner, Strauss und vielen anderen zusammen. Wenn ich John treffe, will er alles über Wien und seine Komponisten, das Salzkammergut (wo nicht nur Schubert und Mahler einige ihrer größten Werke schufen) und die Salzburger Festspiele wissen. Wenn er eine Partitur von Mozart oder Beethoven öffne, fühle er sich immer ganz klein und unbedeutend im Vergleich zur Genialität dieser Könner.

Ich entgegne ihm dann, dass er in dieser Tradition steht und deshalb so viele Musiker in den bedeutendsten Orchestern der Welt seine Musik schätzen würden. Dann huscht ein mildes Lächeln über sein Gesicht.

Diese Woche kommt es zum musikalischen Gipfeltreffen im Wiener Musikverein. John Williams ist als Dirigent zu Gast bei den Wiener Philharmonikern. Der Starkomponist aus Hollywood trifft auf den Stolz österreichischer Musiktradition. Das ist schon etwas ganz Besonderes. Also habe ich mich in die erste Probe geschlichen und aufmerksam gelauscht.

Jene Musiker im Orchester, mit denen ich gesprochen habe, sprechen von einem „Once in a Lifetime“-Moment. John probt, wie er es immer macht. Mit größtem Respekt für die Musiker, einer inneren Gelassenheit, die Warmherzigkeit und Souveränität ausstrahlt, und dem Bewusstsein, dass er in Wien, in der Welthauptstadt der klassischen Musik, die Zuneigung aller Musikerinnen und Musiker spürt.

Oft habe ich ihm von den Besonderheiten der Wiener Hörner und der Wiener Pauke erzählt sowie vom besonderen Glanz im Ton, den dieses Orchester erzeugt. Und als die Hörner in „Dartmoor“ ihren wohligen Klang in der Probe andeuten, da blitzt und funkelt es in seinen Augen. Der Meister lächelt.

Mehr geht nicht.

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