29.11.2019 09:00 |

Kurzkritik

Ein Sohn, ein Vater, zwei Geschichten

Hermann Hesse, Franz Kafka, Michael Ende: Sie alle verarbeiteten den Konflikt mit ihren Vätern in Weltliteratur. Auch der literarische Nachwuchs reibt sich mit Papa. Regisseur Gerhard Willert inszeniert den Roman „Wer hat meinen Vater umgebracht“ des französischen Jungstars Édouard Louis (27) im Schauspielhaus Salzburg. Willert ergänzt den Text um Stéphanie Chaillous „Der Vater“.

Eine etwa zweieinhalb Meter lange Bühne und seinen Körper: Mehr hat Schauspieler Theo Helm nicht zur Verfügung. Er spielt einen Vater, einen abgewrackten Mann. Sein Sohn liest den Text, ist nicht zu sehen. Ein mutiger Ansatz, der nicht immer durch die Spielzeit von mehr als einer Stunde trägt. Zu begrenzt die Möglichkeiten für den armen Helm, der nicht sprechen darf.

Hat Louis in seinem Debütroman „Das Ende von Eddy“ seinen schwulenfeindlichen Papa noch ohne Gnade angegriffen, verschiebt sich sein Hass nun auf die Politik. Der Vater als Opfer der Oberen. Das ist teilweise allzu schwarzweiß. Und doch in seiner klaren Stoßrichtung glaubwürdig und brachial. Schwierigkeit: gleichzeitig auf den recht schnell gelesenen Text und Schauspieler Helm zu achten. Viele Zuschauer schließen für Minuten die Augen. „Ein toller Text, ich weiß aber gar nicht, ob ich das Schauspiel dazu brauche“, sagt eine Frau in der Pause.


Im zweiten Teil des Abends kommt ein Vater zu Wort. Stéphanie Chaillou schreibt über die Lage der Bauern in Frankreich. Über der rautenförmigen Bühne erstreckt sich jetzt Kunstrasen, wird gespiegelt an die Wand projiziert. Der Vater hat Agrartechnik studiert, hatte Träume - und erzählt von seinem Scheitern. Jetzt darf Schauspieler Helm zeigen, was er kann. Er wechselt geschickt die Tonlagen und Erzählgeschwindigkeiten. Spuckt den Hass des Vaters auf die Gesellschaft, die Neider, die Lästerer in scharfen Worten auf die Bühne.

Am Ende bleibt ein Abend, an dem ein Sohn und ein Vater zu Wort, aber nicht ins Gespräch kommen. Ein Abend, über den die Zuschauer im Foyer des Schauspielhauses umso mehr diskutieren.

Christoph Laible
Christoph Laible
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