24.11.2019 14:15 |

Extra eingeflogen

Bergdoktor versorgte eingeschneite Dorfbewohner

Während des Schneechaos in Osttirol wurde Kinderarzt Josef Burger in das von der Außenwelt abgeschnittene Prägraten geflogen. Dort war er drei Tage lang ein richtiger Bergdoktor.

Prägraten am Großvenediger ist eine jener Gemeinden in Osttirol ohne praktischen Arzt. Als vor einer Woche über dem Ortsteil Bobojach Lawinen abgingen und die Straße gesperrt werden musste, herrschte der medizinische Notstand. Bei Nebel und starkem Schneefall flog ein Transporthubschrauber der Heli Austria vergangenen Sonntagabend noch Dr. Josef Burger in den abgekapselten Ort.

„Die Stimmung in diesen Stunden war sehr gedrückt, die Schneefälle schienen nicht aufzuhören, die Menschen hatten Angst“, erinnert sich der gebürtige Welser. Burger - nicht nur Kinder-, sondern auch Landesarzt der Tiroler Bergrettung - schildert seine ersten Eindrücke: „Ich war im Haus eines erfahrenen Prädingers untergebracht. Der hatte vorsorglich die Zimmer im Erdgeschoß mit Brettern verbarrikadiert.“

Fünf First Responder
Zum Glück besserte sich die Witterung am Montagmorgen. „Bürgermeister Anton Steiner, der sehr umsichtig und unbürokratisch agierte, teilte mir den Feuerwehrmann Stefan Mariacher zu.“ Mariacher ist First Responder im Ort, zusammen mit Burger bildete er drei Tage lang ein perfektes Bergdoktor-Team. „Wir beschlossen, zu den Patienten zu fahren, statt eine Notordination zu eröffnen“, erzählt Burger. Der Weg zur Ordination wäre bei Schnee und Eis zu gefährlich gewesen. Ein Allrad-Pick-up der Feuerwehr stand als Noteinsatzfahrzeug von Prägraten einsatzbereit.

„Am ersten Tag musste ich vor allem Medikamente verschreiben und sie vom Helikopter aus Virgen bzw. Matrei holen lassen“, erinnert sich Burger. Erster „vermeintlicher“ Patient war ein Landwirt, der eine größere Menge Kalzium benötigte. Freilich - wie sich herausstellte, brauchte er es für eine seiner an Milchfieber leidenden Kühe. Der Heli brachte es mit.

Medikamente gegen Bluthochdruck
Medikamente waren deshalb so gefragt, weil die rund 80 Bewohner, die man aus Bobojach in den Ortskern gebracht hatte, vielfach ihre Medikamente vergessen hatten. Vor allem Mittel gegen Bluthochdruck und Schmerzmittel wurden benötigt. „Wir haben außerdem Patienten zur Chemotherapie ausgeflogen.“

An Tag zwei standen zahlreiche Visiten im Mittelpunkt - und ein Notfall. Ein Patient mit Herzinsuffizienz benötigte Sauerstoff. Weil es im Ort zu wenig Sauerstoffflaschen gab, brachten ihn der Bergdoktor und sein Assistent Mariacher zum Hubschrauberlandeplatz, von wo ihn der Heli aus dem Tal flog.

„Mädchen für alles“
Kekse und Kaffee bekam Burger stets angeboten, zugenommen hat er trotzdem nicht. Der gern gesehene Gast war „Mädchen für alles“: Mediziner, Gesprächspartner, Pfarrerersatz. Die Kinder und deren Mütter freuten sich besonders, erstmals einen Kinderarzt im Ort zu haben.

„Alle haben an einem Strang gezogen“
Mittwochmittag beendete Dr. Burger seinen erfolgreichen Dienst in Prägraten, als ein Verbindungsweg wieder aufging. Die Arbeit im Krankenhaus Lienz rief den 56-Jährigen, der seine Tätigkeit in Prägraten unentgeltlich und im Urlaub ausübte. „Alle haben an einem Strang gezogen, ein ,Nein‘ oder ,Geht nicht‘ gab es nie“, resümiert der Bergdoktor zufrieden. Und ein Schmunzeln nimmt er überdies mit. Darüber, dass im Supermarkt Bier und Zigaretten als Erstes „aus“ waren.

Peter Freiberger
Peter Freiberger
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