17.11.2019 06:00 |

Schlagfertig

Martin Grubinger: „Das radikale Optimum der Kunst“

Am Dienstag war es soweit. Die Salzburger Festspiele um Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler und Intendant Markus Hinterhäuser präsentierten das Geburtstagsprogramm 2020. Dass ich mit Schlagzeugkollegen die Präsentation begleiten durfte, war für mich Ehre und Auszeichnung zugleich.

Weite Teile des Festspielprogramms wurden in der „Salzburg-Krone“ bereits vorgestellt. Jetzt möchte ich Ihnen einen Einblick geben, wie einzelne Punkte in der Diskussion zwischen Intendanz und Künstlern den Weg ins Festspielprogramm finden. Dieser Einblick ist normalerweise uns Künstlern vorbehalten.

Die Programmdiskussionen mit Markus Hinterhäuser und Konzertchef Florian Wiegand sind außergewöhnliche Momente. Natürlich sind sich die Macher der Festspiele des Renommees ihrer Institution bewusst. Und obwohl beide keineswegs eitel sind, repräsentieren sie DAS bedeutendste Festival der schönen Künste.

Das schwingt im Hintergrund dieser Gespräche immer mit. Wenn die Festspiele künstlerische Wünsche an uns Musiker herantragen, ist man immer bereit, das Außergewöhnliche möglich zu machen. Daher kommt es für mich und meine Mitstreiter am 28. August 2020 zu einer besonderen Herausforderung.

„The Big Six“ - ein musikalischer Grenzgang für Musiker und Publikum. Ein Projekt, das wir eigentlich gar nicht mehr machen wollten. Zu groß waren die inhaltlichen, logistischen und physischen Herausforderungen. Zum 100-Jahre-Jubiläum der Festspiele ließ ich mich darauf nochmals ein.

Meist beginnt es mit einem Anruf von Markus Hinterhäuser. Zuerst testet er die Repertoirekenntnisse und es werden diverse musikalische Ideen über Youtube abgespielt. Mich haben die Herren diesmal auf dem Rennrad erwischt. Musik von George Crumb und Steve Reich am Handy, abgespielt vom Computer im Intendantenbüro, bei 190 Puls - ein Erlebnis der besonderen Art. Interessant, aber komplett überzeugt war ich nicht.

Das sagt man den Festspielen so nicht gleich - ein bisschen Diplomatie wohnt auch in mir, auch wenn ich das in dieser Kolumne selten unter Beweis stelle.

Treffen ein paar Tage später im Intendantenbüro: Die Youtube-Session geht weiter, dazu zelebriert Hinterhäuser seine Eindrücke verbal. Ich bin fasziniert. Zuerst war ich in das Treffen gegangen, um zu sagen, dass es ein komisches Werk sei. Am Ende schaffte es Hinterhäuser, dass ich es für ein Meisterwerk halte. Das gelingt Wenigen.

Hinterhäuser und Wiegand haben es immer wieder geschafft, mir neue inhaltliche Wege aufzuzeigen. Werke, die ich eigentlich nie machen wollte, wurden bei den Festspielen präsentiert und danach Bestandteile meiner Programme. Wenn die Diskussionen stocken, greift Hinterhäuser zu Heintje-Songs. Zur Provokation und Auflockerung. Leidenschaftlich gern hört er Leonard Cohen. Heintje, gesungen vom Intendanten der Salzburger Festspiele - das hat was.

Wenn Heintje nicht mehr hilft, wird gestritten. Der Intendant tigert zwischen Fenstersims (Zigarette) und Sofa, wo er dem Gegenüber die Meinung geigt.

Ist das Gegenüber ein Sturkopf (kommt vor), dann greift Florian Wiegand ein. Dann reden wir über Fußball oder Politik und vergewissern uns, dass wir eigentlich recht lässige Kerle sind. Am Ende steht selten ein Kompromiss, sondern, und das ist mir in der Kunst wichtig, das radikale Optimum.

Es ist das Erfolgsgeheimnis der Festspiele: Revolutionäre Ideen, ohne Kompromisse, zusammengefasst in einen Festspielsommer, zelebriert und inszeniert von den besten Künstlern ihrer Zeit. Es wird ein besonderer Sommer.

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