Für Goldi ist der Tag des Abschieds gekommen. Die vierjährige Kuh harrt geduldig den Dingen, die ihren Lauf nehmen. Sie wird begutachtet, von vielen kundigen Händen betätschelt, ihr Stammbaum und ihre Leistungsdaten werden von Experten analysiert. Den Stall am Harrerhof in Sankt Oswald bei Plankenwarth, ihre bisherige Heimat, muss sie heute verlassen. Goldi wird zusammen mit fast 50 anderen Artgenossen versteigert. Wieder gibt ein steirischer Milchbauer auf.
Kuh Goldi kann natürlich nicht verstehen, warum sie an diesem bewölkten Junitag ein neues Zuhause bekommt. Aktionspreise im Supermarkt, Milchkontingente, europäische Interventionslager - davon weiß sie nichts. Heinz Hofmann (69 Jahre alt, im Bild), der Besitzer des Harrerhofs, kennt die Misere sehr wohl. Und er schüttelt den Kopf: "Mit den derzeitigen Milchpreisen sind nicht einmal mehr Reparaturen im Stall drinnen." So endet nach fast 40 Jahren die Milchkuhhaltung am idyllisch gelegenen Hof.
Hofübernahmen werden dankend abgeschlagen
Einige junge Kälber bleiben vorerst zwar, "mittelfristig werden wir aber sicherlich keine Tiere mehr halten", macht sich Sohn Christian Hofmann keine Illusion. Er übt - so wie seine zwei Brüder - einen anderen Beruf als Landwirt aus. "Während des Studiums war ich noch mit Herzblut dabei. Aber jetzt? Mit meinem Job verdiene ich mehr, ich hab' auch mehr Freizeit." Das Problem der Hofübernahmen, es ist ein großes in der Steiermark. Das ist aber nicht der einzige Pferdefuß. "Wir können nicht mehr kostendeckend produzieren", sagt der Landwirt.
Nach langer Diskussion habe man sich jetzt entschieden, einen Schlussstrich zu ziehen. Nichts Außergewöhnliches in Zeiten wie diesen. In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl der Milchbauern halbiert, knapp 7.000 "Kämpfer" sind übrig geblieben. Eine Prognose ohne großes Risiko: Es werden sicherlich noch weniger werden. Während die Hofmanns mit Wehmut in der Stimme vom Abschiednehmen erzählen, streifen Züchter aus ganz Österreich - sogar aus Vorarlberg sind welche da - über das Gelände. "Ein so großer Ab-Hof-Verkauf ist selten", weiß Hans Terler vom Rinderzuchtverband. "Meist ist es ein schleichender Prozess und es werden einfach von Jahr zu Jahr immer weniger Tiere im Stall."
"Als ob sie wüssten, was los ist…"
Terler kann wie kaum ein anderer die Entwicklung bei den Milchbauern mitverfolgen. Heute erstaunt ihn vor allem eines: Schauen Sie, wie ruhig die Kühe heute sind. Auch wenn mit dem Harrerhof ein recht großer Betrieb aufgibt, behält Terler einen Funken Optimismus: "Es besteht eine Chance, wir bieten hier in der Steiermark hohe Qualität." Die Versteigerung ist längst im Gang. Jetzt ist Goldi an der Reihe. Zwei Züchter feilschen um die schwarz-weiß gefleckte Kuh. Am Ende werden 1.000 Euro für sie auf den Tisch gelegt. "Heute Abend wird sie schon woanders gemolken", seufzt Heinz Hofmann. In seinem Stall ist es von einem Tag auf den anderen Still geworden..
von Jakob Traby, "Steirerkrone"
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