23.06.2019 09:15 |

Kolumne „Schlagfertig“

Heute mit Gefühl: Musik statt Politik

So, da können ein paar von den Empörungswilligen gleich ein bisschen enttäuscht sein: Diesmal schon wieder (fast) nichts von mir zur Politik - obwohl es einiges zu sagen gäbe.

Derzeit stecke ich mit meinen Kollegen in intensiven Proben für unser ORF-Live- Konzert am 4. Juli am Domplatz in Linz. Und in diesen vielen Probenstunden wurde mir wieder bewusst, welch große Emotionen und Gefühle die Musik bewirken kann.

In diesem Jahr bringen wir Johann Sebastian Bach, Queen, John Williams, Igor Strawinsky, die Brecker Brothers und Joe Zawinul auf die Bühne. Dazu Funk, Fusion, Gospel, Ragtime und Soul. Das ist in etwa so, als würde man in zwei Stunden Rio de Janeiro, New York City, Wien, Tokyo, Istanbul, Brisbane und Kuala Lumpur bereisen. Eine musikalische Weltreise also.

Es ist die Vielfalt, die meinen Beruf so einzigartig macht. In diesen Probenstunden bin ich, auch wenn mir die körperliche Belastung oft alles abverlangt, unendlich dankbar, Musiker sein zu dürfen. Es gibt nur wenige Dinge, die uns so schnell und einfach mit Glück erfüllen wie die Musik.

Die Zutaten: Ton, Harmonie und Rhythmus. Eigentlich ganz einfach - und doch für uns Musiker auf der Bühne manchmal zum Haareraufen. Es ist dieses Triumvirat der Emotionen, das den Zuhörer so packt und zur Musik zieht. Das gesprochene oder geschriebene Wort kommt da nicht heran. Der Song aus der Teenagerphase und der Studentenzeit, der in uns das Gefühl vergangener Jugendtage weckt, der Liebestod in der Oper, der Hartgesottene rührt, die Hymne im Fußballstadion, die Fans und Mannschaft vereint oder auch der Groove, der an die eigene Heimat erinnert. Das Mitsingen zum Lieblingssong beim Kochen in der Küche oder der harte Bassbeat im Golf GTI auf dem Weg zum Kärntner Wörthersee. Musik bringt uns in Schwingung. So oder so.

Hollywood hat sehr früh erkannt, dass zu einem echten Blockbuster ein grandioser Soundtrack gehört. Können sie sich Star Wars ohne das unvergessliche Main Theme von John Williams vorstellen? Steven Spielberg hat mir vor einiger Zeit dazu mal erklärt, dass ein wirklich großer Film nur mit toller Musik für ihn vorstellbar ist. In der Werbung werden Harmonien und Akkorde so gesetzt, dass die Aufmerksamkeit des Sehers oder Hörers geweckt wird. Der Rhythmus bei „We will rock you“ von Queen ist so gesetzt (zweimal mit dem Fuß stampfen und einmal in die Hand klatschen), dass wirklich jeder mitmachen kann und der Groove durch Mark und Bein geht.

Die Geschichte aber hat leider auch gezeigt, dass Musik als intellektuelle Waffe eingesetzt werden kann. Bruckner-Sinfonien auf Naziparteitagen, Josef Stalin, der die Arbeit großer russischer Komponisten immer mit einer Mischung aus Vereinnahmung, Kontrolle und Schikane benutzt hat.

Mir persönlich hat die Musik die Welt eröffnet. Aufgewachsen in einem Salzburger Dorf kann ich die Welt bereisen - dabei kompromisslos und manchmal auch radikal musizieren und musikalisch meine tiefe innere Überzeugung von Tradition, Vielfalt und Weltoffenheit leben.

Fast jeden Tag stehe ich mit Musikern aus Afrika, China, Südamerika und den USA auf der Bühne und bleibe dennoch einfach ein Musikant. Und in Tagen weltpolitischer Unsicherheiten, innenpolitischer Unwägbarkeiten und Wadlbeißereien, taktischer Taschenspielertricks und substanzloser PR-Shows ist das doch ein ziemlich geiles Hobby, das ich meinen Beruf nennen darf.

Und eine Gewissheit bleibt: Es ist schöner Musik zu machen als über Musik zu sprechen - allerdings ist es auch schöner über Musik zu sprechen als über irgend etwas anderes.

Ihr Martin Grubinger

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