Brünner Todesmarsch:

Marsch der Versöhnung

Die Hölle auf Erden erlebten etwa 27.000 deutschsprachige Frauen, Kinder und alte Männer ab dem 31. Mai 1945. Rund drei Wochen nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurden diese Altösterreicher aus ihrer Heimat Brünn/Brno (CZ) über die Grenze nach Niederösterreich getrieben. Rund 5.200 von ihnen (manche Quellen sprechen von 4.000 bis 8.000 Opfern) starben dabei. Jetzt gedachten Tschechen, Österreicher und Deutsche gemeinsam der Opfer mit einem Marsch der Versöhnung.

Jahrhundertelang war die südmährische Metropole Brünn (Brno) ein Schmelztiegel der Kulturen. Tschechen, Juden und deutschsprachige Altösterreicher lebten friedlich Seite an Seite. Bis 1918 gehörte die Stadt zur k. u. k. Monarchie, danach fiel sie an die neugegründete Tschechoslowakei. In den folgenden Jahren steigerte sich auf beiden Seiten der Nationalismus. Zwischen 1938 und 1945 - in den Jahren der deutschen Besatzung des Landes - wurde die etwa 12.000 Bürger umfassende jüdische Bevölkerung Brünns fast vollständig von den Nazis ermordet. Das Zusammenleben zwischen der tschechisch- und der deutschsprachigen Volksgruppe war von steigenden Spannungen und gegenseitigem Misstrauen geprägt. Vor allem die Tschechen, die unter der Fremdherrschaft zu leiden hatten, sehnten die Befreiung ihrer Heimat sehnlichst herbei.

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges war die Zukunft der deutschsprachigen Bewohner zunächst ungewiss, vor allem, da sich kaum Männer, sondern vorwiegend Frauen, Kinder und Alte in der Stadt aufhielten - die jungen Männer waren ja entweder gefallen oder in Kriegsgefangenschaft geraten. Kaum jemand von den Deutschsprachigen in Brünn konnte sich vorstellen, dass ihnen etwas Schlimmes geschehen sollte.

Doch am 31. Mai 1945 wurden diese 27.000 hilflosen Zivilisten von so genannten tschechoslowakischen „Revolutionsgardisten“ zunächst im Augustinerkloster zusammengetrieben und anschließend bei brütender Hitze ohne Wasser und Verpflegung unter „Nemci ven!“ („Deutschsprachige raus!“)-Rufen in Richtung der niederösterreichischen Grenze getrieben.

„Wer vor Erschöpfung nicht mehr weiterkonnte, wurde von den tschechischen Begleitmannschaften erschlagen oder erschossen und blieb einfach im Straßengraben liegen“, berichten Zeitzeugen.

Viele der Vertriebenen, die es gerade noch lebend nach Österreich schafften, starben nach der vermeintlichen Rettung dort an Hunger oder grassierenden Krankheiten wie der Ruhr - zahlreiche Massengräber in den Grenzgemeinden wie Drasenhofen zeugen von diesen tragischen Frühsommertagen vor 74 Jahren.

Auch auf tschechischer Seite gibt es etliche Massengräber entlang der Straße nach Niederösterreich. Eines davon befindet sich in Pohrlitz (Pohořelice), rund 30 Kilometer südlich von Brünn. Es ist laut Überlieferungen das einzige, das auch als Grab gekennzeichnet ist. Hier sind nach offiziellen Angaben rund 900 Menschen begraben, die die Strapazen der Flucht oder die Schikanen ihrer Bewacher nicht überlebten.

Jetzt fand an dieser Stelle eine vom jungen Tschechen Jaroslav Ostrčilík im Rahmen des „Meeting Brno“ organisierte Gedenkveranstaltung statt, an der auch der Bürgermeister der Gemeinde teilnahm.

„Ich habe gesehen wie einer der Bewacher einer Mutter ihr Baby aus den Armen riss und in einen Fluß warf“, schilderte eine Zeitzeugin mit stockender Stimme und Tränen in den Augen. Sie war damals sieben Jahre alt und nahm mit ihrer Mutter am Brünner Todesmarsch teil. Bis heute verfolgt die Überlebende die Erinnerung an diese Szene.

Auf dem Gelände des Massengrabes bei Pohrlitz fanden sich rund 200 Tschechen und 100 Heimatvertriebene beziehungsweise ihre Hinterbliebenen ein. Auf Tschechisch und auf Deutsch wurde der Opfer gedacht und ein Gebet gesprochen.

Anschließend machten sich die Menschen - darunter auch Überlebende des Todesmarsches von 1945 - zu Fuß von Pohrlitz nach Brünn auf.

„Wir gingen die Strecke bewusst in die entgegengesetzte Richtung“, so Ostrčilík

Für den späten Nachmittag dieses Tages standen in Brünn weitere Gespräche der Teilnehmer mit den letzten noch lebenden Zeitzeugen auf dem Programm, ehe am Abend im Garten der Augustinerabtei Kerzen für die Vertriebenen und Getöteten angezündet wurden.

Auch im kommenden Jahr - dem 75. Jahrestag der Tragödie - ist wieder ein gemeinsames Gedenken von Tschechen, Österreichern und Deutschen zum Zeichen der Völkerverständigung geplant.

„Wir Jungen gestalten die Zukunft und überwinden die Gräben der Vergangenheit gemeinsam“, betont Veranstalter Ostrčilík.

Kronen Zeitung

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