26.05.2019 09:00 |

Schlagfertig

Grubinger feiert seinen persönlichen Festtag

Die vergangenen Tage waren aufreibend. Darum will Percussion-Weltstar Martin Grubinger in seiner „Krone“-Kolumne „Schlagfertig“ einen anderen Weg beschreiten.

Am heutigen Sonntag kommen 20 junge Schlagzeugerinnen und Schlagzeuger an die Universität Mozarteum Salzburg, um die Aufnahmeprüfung für das, im Oktober beginnende, neue Studienjahr zu bestreiten. Hochmotiviert, leidenschaftlich und herrlich sorglos wird da bei jedem Auftritt losgelegt. Ich liebe diese Stunden, erinnert es mich doch an meine eigene Studienzeit.

Warum habe ich begonnen Musik zu machen? Am Anfang ist es die kindliche Neugierde, etwas zu berühren und daraus einen Ton zu erzeugen. Eine Saite, ein Fell oder auch eine Holzplatte in Schwingung zu bringen und somit das Unsagbare ausdrücken zu können, sich selbst zu überraschen und in einen Zustand der Trance zu gelangen. Mit anderen die Freude an der Musik zu teilen und gleichzeitig immer besser zu werden.

Es ist ein Zauber, der eigenen Emotion Ausdruck verleihen zu können, Botschafter des eigenen Seelenlebens zu sein und zugleich auch die Geschichte eines Komponisten auf seine ganz eigene Art und Weise zu erzählen.

Am Anfang war nur Musik. Frei von Karriereträumen, Erwartungen, Situationen des inneren und äußeren Drucks, medialen Einschätzungen und Vorgaben. Eine wunderbare Zeit. In der Blasmusik, in der ersten Garagenband, beim gemeinsamen Singen in der Familie, mit Freunden vor Eltern und Großeltern musizierend.

Viel zu schnell aber verlieren wir dieses kindliche und so wichtige Gefühl. Wie fühlte sich die ursprüngliche Leidenschaft und Freude wirklich an? Mit ein Grund, warum ich gerne mit Hobbymusikern musiziere, ist die Erinnerung, die sie mir vermitteln. Das Ursprüngliche. Das Wahre. Die echte Leidenschaft für Musik! Ohne Karriereplan, ohne Verpflichtungen, ohne Erwartungshaltungen. Emotion pur.

In diesen Tage höre und lese ich oft, dass taktisch dies und jenes sinnvoll wäre. Strategie, Taktik, Selbstoptimierung, Inszenierung, Macht, Geld, Prinzipienlosigkeit wird zur besonderen Eigenschaft stilisiert - dabei sind Wahrhaftigkeit, Emotion, Natürlichkeit, Ehrlichkeit und der wunderbar naive Ansatz, etwas einfach zum Besseren verändern zu wollen, die viel bedeutenderen Eigenschaften.

In so vielen Bereichen unseres täglichen Lebens geht es fast ausschließlich darum, wie etwas aussieht, wie etwas dargestellt wird und wie man sich (selbst-) inszeniert. Kaum aber um die Frage, warum jemand für etwas im positiven Sinne so leidenschaftlich brennt. Auch wenn ich diesen Text frei von Politik halten wollte, hoffe ich doch, dass sich der eine oder andere in Politik und Medien dies zu Herzen nimmt.

Eine Frage verbindet uns doch alle zusammen: Wann haben wir aufgehört, das Ursprüngliche in unserem Tun aus den Augen zu verlieren?

Zum Schluss noch eine Bitte an Sie, liebe Leser: Heute ist Europawahl. Es ist ein wunderbares Geschenk, die Wahl zu haben. Ein Recht, das hart erkämpft und erstritten werden musste.

Es ist ein Zeichen des Respekts und des Anstands, mit dem Gebrauch unseres Wahlrechts jene zu ehren, die dafür ihr Leben eingesetzt haben. Dazu ist die Stimmabgabe im Wahllokal ein wunderbarer Moment der Selbstbestimmung und des demokratischen Selbstbewusstseins. Gerade in Zeiten wie diesen - gehen Sie bitte wählen.

Für mich persönlich ist das heute ein Festtag. Zuerst ins Wahllokal, dann in die Kirche zur Erstkommunion meines Sohns und danach leidenschaftlich vorgetragene Musik der vielen jungen Schlagzeugerinnen und Schlagzeuger am Salzburger Mozarteum.

Ihr Martin Grubinger

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