14.04.2019 17:09 |

Martin Grubinger

Grüß Gott, liebe Leser der „Krone“!

Wenn ich an die Palmsonntage meiner Kindheit denke, muss ich zwangsläufig an die Jahr für Jahr damit verbundene Niederlage denken, immer einen der schmaleren Palmbuschen in die Kirche getragen zu haben. Das gab, in Verbindung mit meinen schmalen Oberschenkeln in der Lederhose, meist ein recht komisches Bild ab.

Das war in meiner Kindheit und Jugend keine Lappalie, sondern ein echtes Problem. In den Schultagen davor und danach war die Größe der Palmbuschen das Gesprächsthema. Es war die Zeit, in der man als Mittelstandskind ohne bäuerlichen Hintergrund eher wenig zu melden hatte. Denn im Vergleich zu den Mädels und Burschen, die einen Bauernhof im Ort repräsentierten, waren meine Palmbuschen immer dünne Bohnenstangen. Dabei hatte ich ohnehin immer, dank des Onkels meines Vaters, dem „Zacherlbauern“ Andreas Grubinger aus Unterdorf bei Thalgau, ordentlich „Palmbuschen-Doping“ betrieben. Gereicht hat es, im Vergleich zu den Klassenkollegen der stattlicheren Bauern im Dorf, trotzdem nicht. Die hatten einfach viel mehr Felder, die mit Palmbuschen zu bestücken waren. Da war auf legalem Weg nichts zu machen.
Ich habe in meiner Kindheit fast den ganzen Tag am Bauernhof des Zacherlbauern in Thalgau verbracht. Das war für mich ein Traum. Statt im Kindergarten habe ich viele Stunden mit Tieren, draußen an der frischen Luft, bei der Waldarbeit oder mit Heuarbeit verbracht. So konnte ich völlig unbeschwert das Landleben genießen und ein ziemlich gutes Gefühl dafür gewinnen, welche Herausforderungen viele Bauern in der täglichen Arbeit zu bewältigen hatten und noch immer haben.

Für mich gab es in diesen Jahren nur die Musik und den Onkel André, der als Zacherlbauer mein Kindergarten-Onkel war. Heute bin ich froh, in diesen Jahren meiner Kindheit soviel Zeit in der Natur verbracht zu haben. Manchmal glaube ich, dass mir das auch jetzt als Künstler hilft. Trotz der Konzerte, vielen Reisen und offiziellen Verpflichtungen möglichst am Boden, oder wie man in diesem Zusammenhang so schön sagt: geerdet, zu bleiben.
Da würde ich mir wünschen, dass unsere Kinder wieder viel mehr Zeit in der Natur verbringen können. Im Wald auf Bäume zu klettern, im Sommer im Bach mit der bloßen Hand Fische zu fangen, in der Waldlichtung bei der Jause im Freien die Rehe zu beobachten oder einfach den Duft frisch gemähten Heus zu genießen.

Ja, für mich ist das Leben auf dem Land eine einzige Energiequelle!

Zum Palmsonntag hat der Onkel André dann meine Palmbuschen vorbereitet und auch den einen oder anderen Zweig, der eigentlich auf den sehr eindrucksvollen Palmbuschen seiner Söhne hätte landen sollen (die ja auch im Wettkampf der größten Palmbuschen im Ort standen), für mich abgezweigt.
Der Palmsonntag hat für mich – mit dem Ausstecken der Palmbuschen auf dem Feld – immer auch die Hoffnung der Bauern auf ein gutes landwirtschaftliches Jahr und eine ertragreiche Ernte symbolisiert. Deshalb hat dieser Tag umrahmt mit festlicher Trachtenkleidung, dem Einzug und der Segnung der Palmbuschen in der Kirche und dem Ausstecken auf den Feldern, eine ganz besondere Bedeutung.
Dass es dann immer Süßigkeiten und ein herrliches Mittagessen gab, war für mich dann der Höhepunkt und das ist es jetzt auch für meinen Sohn. Die frühe Schmach, auch an diesem Sonntag wieder der Palmesel zu sein, nehme ich mittlerweile gelassen hin.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen einen schönen Palmsonntag und den Palmbuschenträgern im ganzen Land eine ertragreiche Süßigkeiten-Ernte.

Ihr Martin Grubinger

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