21.02.2019 06:00 |

Jelinek-Verfilmung:

Die Zombies der Geschichte spuken durchs Mürztal

„Die Kinder der Toten“ ist ein Monstrum von einem Buch. Es gilt als Elfriede Jelineks Opus magnum, ist zugleich das wohl am wenigsten gelesene Werk der Literaturnobelpreisträgerin. Die Verfilmung durch Kelly Copper und Pavol Liska mit Darstellern aus dem Mürztal lässt den Zombieroman von den Toten auferstehen.

Es ist ein Widerspruch in sich und trotzdem typisch für die Literaturgeschichte: Die revolutionärsten Werke werden als solche zwar gefeiert, in Wahrheit aber kaum gelesen. Auch Elfriede Jelineks 1995 erschienenen Roman „Die Kinder der Toten“ hat dieses Schicksal ereilt. Auf 666 Seiten lässt sie darin die Toten der Geschichte als Zombies wiederauferstehen und kritisiert nicht nur die Verdrängung der österreichischen Beteiligung an den Verbrechen der Nazis, sondern auch die Konsistenz, mit der deren Gedankengut nach dem Krieg weiterlebte - Untote überall!

Zombies der historischen Mitschuld
Von der Kritik wurde dem Roman ein Todesurteil in Form eines Kompliments umgehängt, indem man von einem „komplexen Meisterwerk“ sprach und oft noch ein „spannend, aber unlesbar“ nachreichte. Gelesen oder nicht - der Roman wurde zu einem Aufreger. Nicht zuletzt in Jelineks Heimat, dem Mürztal, wo große Teile des Romans spielen, war man alles andere als erfreut über die Zombies der historischen Mitschuld.

Rückkehr des Stoffes ins Mürztal
Im Jahr 2017 dann kehrte der steirische herbst mit dem schwierigen Stoff in Jelineks Heimat zurück. Als Wiederbeleber wurden Kelly Copper und Pavol Liska vom New Yorker Nature Theater of Oklahoma ins Mürztal geschickt. Sie erarbeiteten mit der Bevölkerung in der Region eine Filmversion des Stoffes - ganz im Stil der trashigen B-Movies, von denen sich Jelinek für ihren Roman unter anderem beeinflussen ließ. Ein vorbildliches und lustvolles Projekt zwischen Kunstvermittlung und Kunstproduktion.

Premiere bei der Berlinale
Bei der Berlinale feierte der Film nun seine Uraufführung und wurde gleich mit einem Kritiker-Preis geehrt. So wie auch der Roman ist der Film ein Monstrum voll intertextueller Bezüge, gewollt schiefer Vergleiche, deformierter Zitate und trashiger Kalauer. Copper und Liska spannen eine Brücke in die Gegenwart, lassen neben untoten Nazis, wiederauferstandenen NS-Opfern und halbtoten holländischen Touristen auch syrische Zombie-Flüchtlinge ins Mürztal einfallen.

Das Resultat ist klamaukiger, weniger beklemmend als die Vorlage, führt zugleich aber auch die Zeitlosigkeit von Jelineks skurril-überspitzter Analyse vor Augen. Ähnlich wie das Buch, lädt der Film, der am 22. 3. bei der Diagonale die Österreich-Premiere feiert, dazu ein, in seiner Exaltiertheit missverstanden zu werden.

Begleitwerke zum Projekt
Nicht zuletzt auch deshalb lohnt es sich, sich mit den Begleitwerken zu beschäftigen, die rund um den steirischen herbst 2017 entstanden sind: In dem Essayband „Heimat und Horror bei Elfriede Jelinek“, der eben erscheinen ist, sind die Beiträge namhafter Literaturforscher versammelt, die sich ausführlich mit der Wirkungsgeschichte von Jelineks Opus magnum beschäftigen. Und in „Die Untoten von Neuberg“, das im März erscheinen soll, wird die Entstehung der Verfilmung im Mürztal dokumentiert.

Von der Schwierigkeit, Jelineks Roman zu verarbeiten, kann übrigens auch die Übersetzerin Gitta Honegger ein Lied singen: 20 lange Jahre hat sie an der englischen Version gearbeitet - heuer soll „Children of the Dead“ nun endlich erscheinen und Jelineks literarische Zombies können durch neue geistige Welten spuken.

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