23.01.2019 08:00 |

Mehr Bewusstsein

Psychisch kranke Kinder sind noch immer ein Tabu

Psychische Erkrankungen werden häufig tabuisiert. Dadurch fällt auch der Umgang mit Betroffenen und Angehörigen schwer. Hat jemand den Arm gebrochen, ist die Frage: „Wie geht’s“ ganz selbstverständlich. Nicht so bei einer Erkrankung der Psyche. Obwohl Aufklärung und Bewusstsein dabei helfen könnten.

Fünf bis zehn Prozent der österreichischen Bevölkerung, das entspricht 22.500 Menschen in Tirol, leiden an einer psychischen Krankheit. Rund 50 Prozent dieser Erkrankungen bei Erwachsenen haben ihren Ursprung in der Kindheit. „Die Zahl zeigt, wie wichtig eine frühe Erkennung von psychischen Krankheitssymptomen im Kindes- und Jugendalter, ist“, so Kathrin Sevecke, Abteilungsvorständin der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Hall. Dafür brauche es laut der Ärztin gezielte Aus- und Weiterbildung von Haus-, Schul- und Kinderärzten und von Schulpsychologen. Denn generell gilt: Je eher die Krankheit erkannt wird, desto besser die Heilungschancen.

Therapie nur manchmal mit Medikamenten
Die Gründe für eine psychische Erkrankung sind vielfältig. „Den einen Auslöser gibt es nicht“, weiß Sevecke: „Es spielen mehrere Faktoren zusammen. Bei Kindern- und Jugendlichen kann es sich um schulische oder familiäre Probleme handeln, aber auch um genetische Vorbelastungen.“  Sobald eine Krankheit diagnostiziert wird, fängt die Behandlung an, das ist bei psychischen und physischen Gebrechen ganz gleich. „Die Therapie der Psyche basiert genauso auf wissenschaftlichen Erkenntnissen. Manche Leute glauben, wir würden den Patienten einfach Medikamente geben. Das stimmt nicht. Die Behandlung stützt sich auf mehrere Säulen, nur eine davon kann pharmatherapeutisch sein.“ Auch der Irrglaube bezüglich der Behandlungspraktiken stellt die Krankheit in ein falsches Licht. Das macht es für Patienten und Angehörige umso schwerer, sich auf die Behandlung einzulassen. Dabei ist genau das ausschlaggebend für den Heilungserfolg.

Drei Monate Wartezeit auf Behandlungsplatz
Die Kinder- und Jugendpsychiatrie Hall wurde im November 2017 eröffnet. Im Schnitt warten dort rund 50 Patienten auf einen Behandlungsplatz, bis drei Monate dauert es, bis sie diesen bekommen. So lange werden sie entweder ambulant an der Klinik, oder bei anderen Therapeuten betreut. Im Schnitt verbringen die jungen Patienten einen Monat, bei Essstörungen bis zu 9 Monate im Krankenhaus.

Umfeld mit einbeziehen
„Die Schwelle von uns zurück in die Familie ist am schwierigsten“, weiß Sevecke. Wesentlich sei dabei, dass sich die Patienten wieder in ihr Umfeld integrieren. Deshalb werde an der Kinder- und Jugend Psychiatrie auch mit der Stammschule der erkrankten Kinder und Jugendlichen Kontakt aufgenommen. Es ist wichtig, dass den im Heilungsprozess befindlichen Personen offen und ohne Vorurteile entgegengegangen wird. Natürlich muss man besonders verständnisvoll sein und ihnen Spielraum geben. Leider sind psychische Erkrankungen bei Kindern aber noch immer ein Tabuthema – eine Problematik, die sich endlich ändern sollte.

Lea Singer, Kronenzeitung 

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