18.01.2019 10:40 |

Kritik an harter Linie

Müssen Tausende Wildtiere im Wald verhungern?

„Die lassen die Wildtiere verhungern!“ Herbe Kritik aus der Bevölkerung und der Jägerschaft richtet sich dieser Tage - vor allem angesichts der teils riesigen Schneemassen - gegen jene, die nicht oder kaum füttern. Speziell die Bundesforste, die zu den größten Waldeigentümern in unserem Bundesland gehören, sind im Visier. Im Interview erklärt Nachhaltigkeitschef Norbert Putzgruber die Strategie - und warum man diese nicht ändern wird.

„Krone“:Rehe, Rotwild und Gämsen, die im meterhohen Schnee feststecken, nicht mehr weiterkönnen und kein Futter finden: Verstehen Sie, dass es Kritik an der Bundesforste-Philosophie gibt, möglichst nicht zu füttern?
Norbert Putzgruber: Wir versuchen, den Lebensraum Wald und das Umfeld so zu gestalten, dass er für Wild gut geeignet ist und die Tiere gut überleben können. Ziel ist, dass das Wild ohne Fütterung auskommt - und das in Absprache mit der Jägerschaft.

Gerade aus der Jägerschaft kommt aber herbe Kritik an der Bundesforste-Strategie. Im Mariazellerland zum Beispiel, wo die Schneelage extrem ist, wurden die Rotwild-Fütterstellen von zehn auf zwei reduziert. Und die sollen ungenügend bestückt sein.
Diese Kritik lassen wir nicht gelten. Wir lassen unser Wild nicht verhungern. Was stimmt: Gerade im Mariazeller Bereich wurde früher intensiver gefüttert, das hat sich aber als nicht ideal herausgestellt. Daher wurden einige Fütterungsstellen aufgelassen.

Und das Rehwild wird gar nicht mehr gefüttert?
In Mariazell nicht, das stimmt. Aber wir haben schon noch Fütterungen. Schauen Sie: Man sollte Wild Wild sein lassen.

Man unterstellt den Bundesforsten, dass sie einen Wald ohne Wild haben möchten, und ebendieses Ziel mit ihren Fütterungsstrategien zu erreichen versuchen.
Wenn man sich die Statistik anschaut, sieht man: Der Wildbestand ist so hoch wie noch nie. Und die Fütterungsdiskussionen hat es vor 30 Jahren schon gegeben.

Dann ist der aktuelle Bericht des Nachrichtenmagazins „profil“ unter dem Titel „Das große Sterben“, wonach die Zahl der Wildtiere in Österreich seit 1986 um 70 Prozent geschrumpft ist, falsch?
Ich kann nur von den Bundesforsten reden: Da besteht überhaupt keine Gefahr, dass es zu wenig Wild gibt.

Ein Leser hat uns geschrieben, dass er eine Anzeige von den Bundesforsten bekam, weil er aus Mitleid Rehe gefüttert hatte. Ist es in der Steiermark so, dass man nicht mehr aus Mitgefühl handeln darf, sondern Tieren beim Verhungern zuschauen muss?
Ich kenne den Fall nicht.

Gegner meinen, eine perfide Strategie zu erkennen: Wenn das Wild hungert und nichts mehr findet, frisst es in der Not Rinde vom Baum, was Schäden macht. Und das nimmt man dann zum Anlass, abzuschießen - sogar in der Schonzeit. Ist das so?
Die Schusszeiten werden eingehalten, aber im Einzelfall kann so etwas nötig sein.

Andere Großgrundbesitzer wie Mayr-Melnhof füttern mit großer Überzeugung durchaus flächendeckend. Sind die Bundesforste also klüger als andere?
Es ist freilich das gute Recht jedes Eigentümers, seine Flächen so zu betreuen, wie er es für richtig hält.

Wenn sich die Österreichischen Bundesforste zwischen Wirtschaft und Wild entscheiden müssten - wie würden Sie dann entscheiden?
Eine derartige Entscheidung gibt es nicht.

Wie lautet dazu Ihr Credo in kurzen Worten?
Wild soll Wild bleiben - es ist kein Haustier. Es kommt allerdings in Stress, wenn es vom Menschen herumgejagt wird.

Ist die herbe Kritik an den Bundesforsten Anlass für Sie, Ihre Strategie zu überdenken?
Wir bleiben dabei. Wir sind aber bereit, sie zu erklären.

Moralische Pflicht - ein Kommentar der „Krone“-Redakteurin
Es wird gern argumentiert: Das Wild passt sich an die Umgebung und den Winter an, es hat dafür Überlebensstrategien entwickelt, muss also nicht gefüttert werden.

Das mag zugetroffen haben. Einst. Aber die Zeiten haben sich geändert. Wer noch immer so argumentiert, scheint antiquiert und weltfremd zu sein - und verhöhnt die Tiere. Denn heute jagt der Mensch das Wild nur noch herum! Er nimmt ihm den Lebensraum (Hotelbau, Skipisten etc.), der Hunger treibt das Wild ins Tal, zu den Straßen, Siedlungen, Hunden. Tourengeher abseits der Pfade erledigen den Rest.

Zahlreiche Jäger sagen: „Es ist heutzutage unsere moralische Pflicht, Wild zu füttern.“ Absolut. Und nicht nur jene Tiere, die wegen ihrer Geweihe wertvoll sind, sondern auch Rehe - alle, die im Wald leben und aufgrund von Extremsituationen in Not sind. Alles andere ist doch erbärmlich.

Christa Bluemel
Christa Bluemel

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