24.12.2018 09:22 |

1 Jahr nach Felssturz

„Es war damals wahrlich ein Weihnachtswunder“

Genau ein Jahr ist es heute her, als in der Tiroler Gemeinde Vals fast 120.000 Kubikmeter Gesteinsmassen ins Tal donnerten. Dass es damals keine Verletzten oder Tote gab, ist wohl einer „Hilfe von oben“ zu verdanken. Betroffene schildern die dramatischen Ereignisse von damals ...

Vergangene Woche in Vals: Es ist kurz vor 8 Uhr. Die Kids sind auf dem Weg in die Schule und den Kindergarten. Ansonsten ist es in der beschaulichen 500-Seelengemeinde im Wipptal recht ruhig. Nur ein paar Autos rauschen hin und wieder vorbei. Bürgermeister Klaus Ungerank trifft in der Gemeindestube ein und bittet das „Krone“-Team in sein Büro. Beim adventlich geschmückten Tisch blickt der Dorfchef auf den letztjährigen Heiligen Abend zurück. Damals wurde der ganze Ort inmitten des weihnachtlichen Friedens aufgeschreckt. Es krachte und bebte. 120.000 Kubikmeter Geröll stürzten ins Tal. Die Gemeindestraße wurde teils acht Meter hoch verschüttet. Großalarm!

Keine Predigt: Pfarrer ist möglicher Lebensretter
Zahlreiche Häuser mussten evakuiert werden - über 40 Bewohner ausgerechnet am Weihnachtsabend aus ihrem Heim flüchten. 150 Personen im Talinneren waren komplett von der Außenwelt abgeschnitten.

In all der Hektik verbreitete sich noch am Abend aber auch eine gute Nachricht wie ein Lauffeuer. „Das Valsertal ist nur haarscharf an einer Tragödie vorbeigeschrammt!“ Denn wenige Minuten vor dem verheerenden Felssturz hatten mehrere Kinder, die mit ihren Eltern am Heimweg von der Kinder-Mette waren, die Stelle passiert. Dass diese unbeschadet blieben, ist gewissermaßen einer „Hilfe von ganz oben“ zu verdanken. „In der Kirche hatte unter all den Kindern eine gewisse Unruhe geherrscht. Der Pfarrer verzichtete deshalb auf seine Predigt“, schildert BM Ungerank und ergänzt: „Die Mette war daher fünf bis zehn Minuten früher zu Ende. Wären die Besucher um diese paar Minuten später heim gefahren, hätte es wohl eine Katastrophe gegeben. Ganze Familien hätten ausgelöscht werden können! In Anbetracht dessen war dies wahrlich ein Weihnachtswunder“

Der Wunsch nach ganz normalen Festtagen
„Je näher der Jahrestag rückt, desto mehr kommen die Bilder von damals wieder hoch“, erzählt der Dorfchef. Das, was sich im vergangenen Jahr in Vals ereignet hat, passiere normalerweise in 300 Jahren nicht. „Mein einziger Wunsch für heuer ist, dass wir alle ein normales, besinnliches Weihnachtsfest feiern können.“

Interview: „Plötzlich war alles nur noch schwarz“
Friedrich Wieser (78) war einer von jenen, die am Heiligen Abend ihr Haus verlassen mussten. Der „Krone“ schilderte er die dramatischen Momente.

Herr Wieser, wann und wie haben Sie den verheerenden Felssturz wahrgenommen?
Es war gegen 18 Uhr. Ich saß im Wohnzimmer und meine Frau bereitete das Weihnachtsessen zu. Plötzlich war da ein dumpfes Geräusch. Das ganze Haus vibrierte. Es fühlte sich so an wie ein Erdbeben. Ich bin dann bei der Tür raus. Da war eine gewaltige Rauchwolke - alles war nur noch schwarz. Als sich diese gelegt hatte, konnte man eine riesige Steinlawine erkennen. Die Geröllmassen sind bis 100 Meter vor unser Haus vorgedrungen.

Wann wurden Sie und Ihre Frau evakuiert und wo kamen Sie schließlich unter?
Etwa eine Stunde später kam der Feuerwehrkommandant zu uns und sagte, dass wir das Haus sofort verlassen sollen. Es war ein Riesenschock. Wir haben die notwendigsten Sachen zusammengepackt und sind zu meiner Tochter nach Sistrans gefahren. Am nächsten Tag kehrten wir zurück, schliefen eine Nacht daheim. Am Stefanitag riet uns der Bürgermeister nach Absprache mit Experten, das Haus wieder zu verlassen. Weil weitere Felsstürze zu erwarten waren. Die nächsten zehn Tage waren wir dann wieder bei der Tochter.

Wie präsent sind die Bilder von damals heute noch?
Je näher Weihnachten heranrückte, desto präsenter wird das damalige Ereignis. Es ist ein komisches Gefühl. Wir wünschen uns heuer ruhigere Festtage.

Landesgeologe: „Es hätte auch Tote geben können“
Landesgeologe Gunther Heißel schildert im „Krone“-Interview seine Vals-Erinnerungen.

 Herr Heißel, Sie als Landesgeologe waren beim verheerenden Felssturz in Vals ganz besonders gefragt. Ihre Erinnerungen an das letztjährige Weihnachtsfest?
Bei uns daheim in Rietz war gerade die Bescherung im Gange, als plötzlich der Anruf von der Landeswarnzentrale kam. Die Situation in Vals wurde mir am Telefon als sehr dramatisch beschrieben. Ich bin dann sofort aufgebrochen und mit Blaulicht zum Einsatzort gefahren. Es war sehr wenig Verkehr, weil zu der Zeit wahrscheinlich die meisten Tiroler vor ihren Christbäumen standen. 50 Minuten nach dem ersten Notruf war ich bereits vor Ort.

Ihr erster Eindruck in Vals?
Es war stockdunkel und beängstigend - ich hätte es so nicht erwartet. Es krachte wie wild und ständig hörte man, wie riesige Felsteile ins Tal stürzten. Gesehen hat man gar nichts. In dieser Dramatik habe ich so etwas zuvor noch nie erlebt.

Wie ging es dann weiter?
Ich machte mir zunächst für zwei, drei Minuten ein Bild und zog mich dann mit dem Bürgermeister und Feuerwehrleuten aus dem Bereich, wo wir standen, zurück. Der Bürgermeister hatte zu diesem Zeitpunkt schon mehrere Häuser evakuiert, ich empfahl ihm dann, dies auch noch für weitere zu veranlassen.

Welches Bild bot sich Ihnen am darauffolgenden Tag?
Es war gut, dass wir am Vorabend alle Menschen aus dem Gefahrenbereich abgezogen haben. Erst am nächsten Tag wurde uns bewusst, dass Felsblöcke bis zehn Meter vor die Feuerwehrleute gestürzt waren, ohne dass dies jemand bemerkte. Es hätte also auch Verletzte oder gar Todesopfer geben können.

Wie hat sich die Situation am Berg entwickelt?
Am Christtag machten wir um 8 Uhr einen Erkundungsflug. Da sahen wir, dass es an der Abbruchstelle zwar eine sehr lange, aber enge Spalte gab. Eineinhalb Stunden später war diese dann plötzlich einen Meter breit. Immer wieder stürzten kleinere und großere Teile ab. Die Situation war kritisch, auch in den Tagen und Wochen danach.

Wie ist die Lage heute?
Der Berg wird seit damals mit einem Monitoringsystem überwacht und gescannt. Seit dem Frühling gibt es keine Bewegungen, die besorgniserregend wären. Man kann freilich nie ausschließen, dass etwas passiert. Aber aus derzeitiger Sicht ist die Gefahr recht gering, dass sich so etwas in naher Zukunft wiederholt.

Hubert Rauth
Hubert Rauth
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