12.11.2018 13:50 |

Anna Netrebko in Graz

Gastspiel der Primadonna

Als Skeptiker fragt man sich: Ist der Starkult um Sopranistin Anna Netrebko nicht etwas übertrieben? Bei ihrem Liederabend im Grazer Stefaniensaal gab die von Pianist Malcom Martineau begleitete Primadonna darauf eine eindeutige Antwort: Nein! Einerseits ist Netrebkos Stimme ein echtes Wunder, vor allem aber macht sie ihre Inszenierung zum Gesamtkunstwerk.

Die meisten Sängerinnen verlassen die Bühne mit Blumen - die wenigsten aber betreten sie schon mit welchen. Anna Netrebko ist eine solche: Eine Primadonna alter Zeit, die mit Zlata Bulycheva mal eben für zwei Duette eine Solistin des Petersburger Mariinskij einfliegen lässt, die für ein einziges Drei-Minuten-Lied einen geigenden Jüngling (Giovanni Andrea Zanon) engagiert - einfach, weil sie es kann. Netrebko ist ein Primadonna-Gesamtkunstwerk, und alles, bis zur Farbe ihres Kleides, ist auf den sympathisch selbstironisch zelebrierten Rollentopos „Diva“ zugeschnitten.

Klangvielfalt und Spitzentöne
Sogar jene, die große Sternchen gerne straucheln sehen, dürfen sich diesmal ein kleines bisschen freuen: Die ersten drei lyrisch verträumten Rachmaninoff-Lieder kommen der Grande Dame nämlich tatsächlich etwas krampfig aus der Kehle. Danach aber: Netrebko! Mit unfassbarer Leichtigkeit vollbringt ihre Stimme fliegende Ausdrucks- und Lagenwechsel in den meist russischen Liedern von Rimski-Korsakow, Tschaikowski, Strauss oder Charpentier, die nur dazu dienen, Klangvielfalt, Spitzentöne und den nuancierten Ausdrucksvorrat zu kanalisieren, den Netrebkos Stimmbänder hervorbringen können. Jedes der Stücke wird dabei - auch darstellerisch - zur kleinen Opernszene, umfasst vom gehauchtem Piano bis zum unbändig mächtigen Bravourton eine ganze Emotionen- und Klangpalette, die von Martineaus wunderbar farbreicher Begleitung noch verstärkt wird.

Man braucht dabei in der etwas beliebigen Liederauswahl auch nicht lange nach einem künstlerischen Programm zu suchen: Das Programm ist Netrebko selbst, der Abend an sich somit fast ein übergeordneter Kommentar - zum Wesen künstlerischen Ruhms, der sich, statt vornehmlich etwas auszudrücken, selbst zum Inhalt macht.

Felix Jurecek, Kronen Zeitung

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