28.08.2018 12:00 |

Interview:

Pflegen bis es nicht mehr geht - und dann?

Es ist mehr als eine Herzensangelegenheit: Karl Medwed gründete den „Verein für Angehörige von Menschen mit Behinderungen“ . Sein Einsatz basiert auf seiner eigenen Geschichte.

Herr Medwed, warum war die Vereinsgründung für Sie eine Herzensangelegenheit?
Meine Tochter befindet sich seit 14 Jahren im Wachkoma. Meine Frau und ich sind selbst pflegende Angehörige und wissen um die Herausforderungen. Als es vor zwei Jahren an die Reformierung des Reha-Gesetzes ging, wurde eine Nutzerinnenvertretergruppe formiert, in der nicht nur Menschen aus Politik und Sozialwesen sind, sondern auch Betroffene. Als Sachwalter meiner Tochter war ich bei diesem Treffen und musste irgendwann fragen: „Wo sind die pflegenden Angehörigen?“ Denn die gehören auch in diese Gruppe! Also haben wir den Verein gegründet. Denn wir wissen, oder können sehr gut erahnen, wo der Schuh bei den Betroffenen drückt - aber auch wo er bei uns selbst drückt. Denn wir haben eine enorme Belastung und wir brauchen Entlastung!

Was wäre eine konkrete Entlastung für Angehörige?
Wir brauchen einfach mehr finanzielle Unterstützung. Um die Therapien zu finanzieren, Hilfsmittel zu kaufen, externe Betreuung anstellen zu können und so weiter. Egal was passiert, meine Tochter wird nicht mehr gesund - aber wenn man die finanzielle Sicherheit hat, um sich bestmöglich kümmern zu können, ist das ein Problem weniger. So geht es allen Angehörigen.

Wie sieht es hier aus? AMB gibt es seit gut einem Jahr - was wurde bisher erreicht?
Wir haben es damals gerade noch geschafft, als Verein über das neue Reha-Gesetz (Teilhabegesetz) drüber zu schauen und konnten Erläuterungen abgeben - davon wurde auch was berücksichtigt. Nun habe ich mich mit Landesrätin Gabriele Fischer getroffen und ihr unsere Anliegen dargelegt.

Wie lauten die konkret?
Wir möchten in der oben erwähnten Nutzerinnenvertretergruppe fix vertreten sein - nicht bloß auf Anfrage, denn diese Gruppe hat Mitsprache und die brauchen wir auch. Es gibt ungeklärte Fragen in Sachen Regress: Wenn ein Kind ins (Alters-)heim kommt, gibt es dann Forderungen an die Eltern? Ich weiß es nicht. Pension- und Sozialversicherung: Die pflegenden Personen müssen ver- und abgesichert sein. Dann braucht es Therapiemöglichkeiten in Schulen. Zudem gibt es viele ungeklärte Fragen zur Mindestsicherung - da sind wir dran. Vor allem aber braucht es Pflegeplätze für junge Menschen. Denn wir pflegen bis es nicht mehr geht - aber was kommt danach?

Wie meinen Sie das?
Es braucht viel mehr Inklusion! Die passiert nicht in der Schule, sondern in der Gesellschaft. Inkludiertes Wohnen sollte bei jedem Neubau berücksichtigt werden. Denn wenn meine Frau und ich nicht mehr können - was passiert dann mit unserer Tochter? Das ist das Problem aller pflegenden Angehörigen. Wir brauchen Pflegeplätze für junge Menschen - das Altersheim ist der falsche Ort! Außerdem braucht es dringend stationäre Pflegeplätze für Kurzzeitpflege, damit die Angehörigen ab und zu mal kurz durchschnaufen können.

Der Verein zählt mittlerweile über 130 Mitglieder in allen Tiroler Bezirken.

Anna-Katharina Haselwanter
Anna-Katharina Haselwanter
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