Eine Einschulung ins "Baba"-Business gibt The Playground Meridian mit der "Zeremony" am Grazer Bahnhof. Mit Pomp und Gloria werden dort Reisende von der von Sophia Laggner geleiteten Abschiedsagentur auf die Reise geschickt. Nebenbei bekommt das Publikum Tipps für einen gelungenen Abschied. Etwa dass man sich aus Hygienegründen nie ins Taschentuch schnäuzen soll, mit dem man dem Reisenden nachwinkt.
Abschiedsrituale am Bahnhof
Als dann die erste Reisende zu verabschieden ist, geht einiges schief – es konnte ja niemand wissen, dass sich ein Agenturmitarbeiter spontan in sie verliebt. Abschiedsrituale und das große Drama nehmen The Playground Meridian in ihrem Mix aus Theater und Intervention zwar auf die Schaufel, starten damit aber auch einen ernsthaften Wiederbelebungsversuch.
"Passion der Schafe"
Ein bisschen mehr Drama und ein bisschen weniger Therapie hätte auch dem Ensemble Materialtheater im Orpheum gut getan. Seine "Passion der Schafe" gerät zu einer Leidensgeschichte, an der das Publikum mehr Anteil hat, als ihm lieb sein dürfte. Zwei Stunden lang hat man das Gefühl, einer Selbsthilfegruppe der anonymen Gotteszweifler beizuwohnen. Und einmal mehr wird der Beweis angetreten, dass zwei, drei gute Ideen und ein paar hübsche Bilder nicht ausreichen, um einem Theaterabend Spannung und Witz zu verleihen.
"Rotbällchen" im Kunsthaus
Eine rote Clownnase ließ die deutsche Eva Kaufmann in ihrem Stück "Rotbällchen" im Grazer Kunsthaus zum Leben erwachen. Vom Baby über den rebellierenden Teenager bis zum verliebten Elternteil verfolgten die kleinen Besucher den Lebensweg des Rotbällchens, den Kaufmann mit Händen und Füßen und vielen niedlichen Ideen darstellt. Es ist ein interaktives Spiel mit Entstehung und Veränderung, das Kaufmann für La Strada in ein minimalistisches, aber äußerst wirkungsvolles Kleid gesteckt hat. Ein Puppentheater der kurzen Wege und kleinen Ideen mit großer Wirkung.
Dunkles Figurentheater im Orpheum
Figurentheater auf höchstem Niveau zeigt einmal mehr Neville Tranter (im Bild) im Orpheum. Sein Stück "Cuniculus" entführt in eine postapokalyptische Welt in der ein einzelner Mensch den ultimativen Krieg in einem unterirdischen Hasenbau überlebt hat. Er ist Teil einer Hasenkolonie, in der die Gesetze der Wildnis gelten. Nur durch Selbstverleugnung kann er überleben. Tranter räumt mit dem Gerücht auf, dass Hasen possierliche Tierchen sind. Er zeigt vielmehr eine brutale, gesetzlose Welt voll Unterdrückung, Gemeinheit, sexuellem Terror und schließlich auch noch Mord. Dass ist Figurentheater von seiner dunkelsten Seite.
Faszinierend ist, wie Tranter mit seinen Geschöpfen umgeht, wie sie – sobald er die Hand in ihren Nacken versenkt – zum Leben erwachen und er jedem einzelnen der Hasen, ob es nun die aufopfernde Mami, der schon senile Onkel Claudius, der hinterhältige, bettnässende Lupus oder die sexbesessene Sissy ist, einen ganz eigenen Charakter verpasst. Und man vergisst ganz schnell, dass im Zwiegespräch mit den Hasen der Text eigentlich vollständig vom Puppenspieler kommt. Ein starkes und zum Glück gar nicht gefälliges Erlebnis!
Der Regen hat die Premiere von Kleists "Der zerbrochene Krug" am Montag im Landhaushof verhindert. Ersatztermin ist Mittwoch um 21 Uhr.
von Michaela Reichart und Christoph Hartner, "Steirerkrone"
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