Mo, 16. Juli 2018

Zuckerpuppen-Duell

10.10.2007 09:11

Sugababes vs. Mutya Buena

Böse Zungen behaupten, man solle sich keinen Fan-Kalender der Sugababes kaufen, da man nie wissen kann, ob die Besetzung bis zum Ende des Jahres noch den Tatsachen auf den Kalenderblättern entspricht. Der Mitgliederverschleiß der Girl-Group ist nämlich mindestens so legendär wie der Popo-Wackeltanz, den sie live seit ewig und noch länger und in jedem ihrer bisher 18 Musikvideos performen. Doch nun bekommen die britischen Anfang-Zwanzig-Girls Konkurrenz aus den eigenen Reihen: Ex-Sugababe Mutya Buena, die sich im Dezember 2005 dazu entschloss, ihren Hintern von nun an nur mehr ausschließlich zu ihren Gunsten zu schwingen, macht den Zuckerpüppchen mit einem Solo-Album die Fanbase streitig. Die Platte heißt demonstrativ "Real Girl".

"Change" lautet der Titel des neuen Sugababes-Album, das fünfte seit der Debütplatte "One Touch" im Jahre 2001. Damals waren Keisha Buchanan, Siobhán Donaghy und Mutya Buena zarte fünfzehn und landeten mit "Overload" einen veritablen Smash-Hit, dessen Refrain bei den meisten wohl noch auf Abruf in der Ohrwurmabteilung der Gehörknöchelchen lagert.

Aber schon bei der zweiten Single wurde der berühmt-berüchtigte Popo-Wackeltanz (die Knie abwechselnd und im Takt nach vor bewegen und dabei die Hüfte mitdrehen; oder so...) eingeführt und die clubtauglichen Kopfnick-Beats der Debütsingle wichen schnöden Massenmarkt-Melodien. Siobhán - die das Genre des Girlie-Pops mit ihrem bestechenden Alternativo-Look als erster Lichtblick seit langem erhellte - sagte nach dem ersten Album Adieu und legte zwei von Kritikern gepriesene aber vom Publikum arg unterschätzte Solo-Alben (das zweite, "Ghosts", ist bei uns Ende Juli erschienen) hin. Derweil begannen die Sugababes, die sich durch die Anwerbung der von Atomic Kitten verschmähten Heidi Range wieder zum Trio zusammengecastet hatten, mit Songs wie "Round Round", "Hole In The Head" und "Push The Button" systematisch das Formatradio vollends zu pervertieren. Auf keiner Welle von London über Wien bis Sydney entkam man der Zuckerpuppen-Trällerei.

"Change" ist ein weiteres Glied in einer logischen Kette von aufeinanderfolgenden Aktionen. Die Single "About You Now" bietet eventuell den Hauch einer Andeutung von musikalischer Neuorientierung in Richtung Electronic/Dance, ansonsten bleibt alles beim alten Hin- und Hergewackel. Bis zu sieben Songwriter stehen in den Album-Credits, gnadehalber schrieb man zwischendurch auch ein paar Mal den Namen eines Sugababes hin. Konkret heißt das: Jemand kramt das Grundgerüst eines Songs aus der Ideen-Schublade, einer oder mehrere Produzent geben reichlich Senf dazu, ein DJ klatscht ein paar massenkompatible Samples hinein, die klingen, als hätte sie sogar Robbie Williams bei "Rudebox" abgelehnt, und danach dürfen sich Keisha, Heidi und Neo-Mitglied Amelle Berrabah aussuchen, ob am Ende einer Zeile besser "okay" oder "alright" gesungen werden soll.

Das soll nun nicht heißen, dass sich auf "Change" nicht das eine oder andere hörbare Stück befände - aber bis man zu "Back Down" (Track 8) oder "Open The Door" (Track 10) kommt, hat einem das Unisono-Gesäusel der Girlband, die schon mit Siobhán Donaghy eine markante und mit Mutya Buena die letzte gehaltvolle Singstimme verlor, die Lust auf eine Überraschung vermiest.

Wer's nicht glaubt...


Quelle: YouTube.com

Tattoos am ganzen Körper, einen stets gelangweilten Blick bei Presse-Shootings auf dem roten Teppich, wenn sich die Kolleginnen indes die zweite Lage Zahnpasta von den Zähnen lächelten, und Mutter mit neunzehneinhalb - wie es Mutya Buena (22) nach dem Abgang von Siobhán Donaghy mit den beiden restlichen Sugababes, zu denen sie augenscheinlich so gar nicht passte, noch drei Jahre durchhielt, weiß wohl nur sie alleine. Auf ihrem Solo-Debüt "Real Girl" zeigt sie, dass sich die Britin mit philippinischen Wurzeln musikalisch schon sehr lange vom Sound der Girlie-Band emanzipiert hat.

Die erste Single "Real Girl" bedient sich geschickt mit einem Sample aus Lenny Kravitz' "It Ain't Over 'Til It's Over" und verschaffte Mutya Buena durch den Ohrwurm-Bonus auf Anhieb einen UK-Chart-Einstieg auf Platz 2 hinter ihren ehemaligen Bandkolleginnen, die mit "About You Know" auf die Eins kletterten. Schon beim ersten Durchhören steht fest: Das "abtrünnige" Sugababe hat die besseren Produzenten. "Real Girl" trumpft mit souligen Melodien und knackigen Arrangements auf, die Tiefgang haben. Es kommen echte (!) Instrumente zum Einsatz, jeder Song scheint für die Interpretin und nicht in erster Linie für die Zielgruppe der 12 bis 16-Jährigen geschrieben zu sein.

Nicht im Dreiklang mit zwei anderen singen zu müssen, tut Mutya Buena auch gut: Auf Tracks wie "Not Your Baby" kann sie sich mit Gwen Stefani messen, Balladen wie "Wonderful" kommen zumindest in den tieferen Stimmlagen in Reichweite einer früheren Mariah Carey. George Michael, die Groove Armada und Amy Winehouse sind als namhafte Kollaborateure mit an Bord. Musikalisch und Groove-mäßig trifft man sich auf Augenhöhe. Kurz: Die Spannweite der Platte reicht für ein Debütalbum weiter, als so manche Popstars in einer ganzen Karriere umgreifen können. Wieviel davon letztlich ihr selbst zu verdanken ist (Stichwort: Songwriting), ist für den Audiogenuss unerheblich. Daher: Ein klarer Triumph für Miss Buena, die gut daran tat, sich selbstständig zu machen. Ein Hintern kommt beim Wackeln nämlich weitaus besser zur Geltung als drei...

Zur Verdeutlichung: Das Video zu "Just A Little Bit"


Quelle: YouTube.com

 

Christoph Andert

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