02.05.2007 07:58 |

Schöner "Wohnen"

Häftlinge in Kalifornien zahlen für Luxus Miete

Sechs Monate im Gefängnis der südkalifornischen Stadt Fullerton können teuer werden: 13.000 Dollar, knapp 10.000 Euro, rechnet der Radiosender NPR vor. Die ersten beiden Nächte kosten je 100 Dollar, alle weiteren "nur" noch 75 Dollar. Wer das "pay-to-stay" - etwa Bezahle-um-zu-Bleiben-Angebot - wahrnimmt, kann im Gegenzug mit Knast-unüblichen Privilegien rechnen: Handys, Bücher und Besuch zwei Mal pro Woche ist erlaubt.

Die Zellen sind mit Fernseher, Videogerät und eigener Toilette vergleichsweise luxuriös. "Nein, wir machen ihnen nicht das Bett und legen ihnen auch keine Schokolade auf das Kissen", wehrt Sergeant John Elena den Vergleich mit einem Luxus-Hotel ab.

Häftlinge mit Knete können sich in rund einem Dutzend Gefängnissen in Kalifornien eine Vorzugsbehandlung erkaufen. "Ich weiß, dass dies hier als Fünf-Sterne-Hilton gilt", erzählt die 22 Jahre alte Nicole Brockett der "New York Times". In einem Gefängnis im Bezirk Orange County sitzt sie 21 Tage wegen Trunkenheit am Steuer ab. Ihr "sauberer" und "sicherer" Raum mit einem kleinen Sofa ist den Zellenpreis von 82 Dollar am Tag wert, sagt die Barkeeperin aus Los Angeles. Die typischen Kunden sind Männer Ende 30, die mit Alkohol am Steuer erwischt wurden und etwa einen Monat abbrummen müssen. Wiederholungstäter brauchen sich gar nicht erst zu bewerben. Das Programm ist nur für kleinere, gewaltfreie Gesetzesbrecher gedacht.

Akzeptable Haftbedingungen nur gegen Bezahlung
Wer sich das schönere Wohnen hinter Gittern leisten kann, ist damit an der sonnigen Westküste gut beraten. Denn im bevölkerungsreichsten US-Bundesstaat sind die Haftanstalten katastrophal überbelegt: Mehr als 170.000 Insassen drängen sich in meist veralteten Einrichtungen, die ursprünglich für 100.000 Häftlinge konzipiert waren. 16.000 schlafen auf Notbetten in Fluren und Turnhallen. Schreckensmeldungen über Gewalttaten, unzureichende Gesundheitsversorgung und miserable sanitäre Zustände gibt es seit Jahren. Nach Klagen und Beschwerden von Menschenrechtsaktivisten stellte der Bundesstaat vor kurzem einen Notplan vor. Für 53.000 neue Betten sollen in den kommenden fünf Jahren acht Milliarden Dollar ausgegeben werden. Als Sofortmaßnahme werden 8.000 Insassen in Nachbarstaaten ausquartiert.

Dass einige Gäste hinter Gittern für Privilegien zahlen, kommt bei den finanziell gebeutelten Gemeinden gut an. Bis zu 127 Dollar am Tag bekommt das Gefängnis in Pasadena von seinen rund 20 "pay-to-stay"- Kunden. In Seal Beach kommt man mit 70 Dollar pro Übernachtung billiger weg. Als Mitbringsel sind iPods, Spiele und Bücher erlaubt. Mit der Miete erkauft man sich auch das Recht auf Freigang, um weiter zur Arbeit zu gehen.

Haft trotzdem kein Urlaub
Der Kriminologe Stanley Goldman von der Universität in Loyola befürwortet die Idee zahlender Kunden. Eine Gemeinschaftszelle mit gewalttätigen Verbrechern sei nicht "der beste Platz" für diese Leute, so Goldman. Doch Kritiker kreiden es als sozial ungerechnet an, wenn Dollarnoten Komfort und Sicherheit im Gefängnis bedeuten. Nicole Brockett blätterte in drei Wochen über 1.700 Dollar hin. Doch es war kein Urlaub in einem schönen Hotel. "Der Raum war in Ordnung", sagt sie der "Times". "Aber man weiß haargenau, wo man ist".

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