20.04.2007 14:08 |

Manifest des Killers

"Ihr habt mich in eine Ecke gedrängt"

Der Todesschütze von Virginia hat noch zwischen den beiden Schießereien per Post ein Video, Fotos und ein "Manifest" an den US-Fernsehsender NBC geschickt. Darin äußert der 23-jährige Cho Seung-Hui unter anderem Hass gegen Reiche und erklärt, dass das Blutbad mit 33 Toten am Montag in der Technischen Staatsuniversität vermeidbar gewesen wäre.

Der Sender, der das Päckchen am Mittwochmorgen erhielt und sofort das Bundeskriminalamt FBI informierte, strahlte am Abend (Ortszeit) Ausschnitte aus dem Video (siehe Infobox) aus. Der Student, der sich nach dem Massaker das Leben genommen hat, sagt in einer Szene: "Ihr habt mich in eine Ecke gedrängt ... Jetzt müsst ihr damit leben, dass Blut an euren Händen klebt." Auf elf Fotos ist Cho Seung-Hui mit zwei Handfeuerwaffen zu sehen - nach Vermutungen jene, die er bei dem Massaker benutzte.

Der 23-Jährige hatte am Montag in einem Studentenwohnheim der Universität in Blacksburg zunächst zwei Menschen getötet. Fast zweieinhalb Stunden später erschoss er weitere 30 Studenten und Lehrkräfte. Bis zum Bekanntwerden der Postsendung am Mittwochabend war darüber gerätselt worden, warum zwischen beiden Schießereien eine derart lange Zeit verstrich.

Alles über das blutige Massaker in der Infobox.

Fotos, Videos und schriftliches "Manifest"
NBC zufolge wurde das Päckchen am Montag um 9.01 Uhr Ortszeit bei einer Poststelle aufgegeben - etwa eine Stunde und 45 Minuten nach der ersten Schießerei und kurz vor dem folgenden Massaker. Das würde erklären, wo der Amokläufer war, bevor er auf den Campus zurückkehrte und 30 weitere Menschen und sich selbst tötete.

Weil das Päckchen allerdings falsch adressiert war, traf es erst am Mittwoch beim Sender ein. Nach NBC-Angaben ist das 1.800 Worte umfassende schriftliche "Manifest" über lange Strecken abschweifend und zum Teil unschlüssig.

Die 27 Videoclips in der Postsendung zeigten Cho Seung-Hui mit Stimmungsschwankungen - manchmal klinge er sanft, manchmal seien seine Äußerungen extrem aggressiv und mit Obszönitäten gespickt. Das Paket enthielt zudem 43 Fotos, auf denen er in unterschiedlicher Kleidung an verschiedenen Orten zu sehen ist.

"Ihr habt euch entschieden, mein Blut zu vergießen..."
An mehreren Stellen gibt es NBC zufolge verwirrte indirekte Anspielungen auf das geplante Blutbad. So sagt er in einem der ausgestrahlten Videoclips: "Ihr habt hundert Milliarden Chancen und Wege gehabt, heute zu verhindern. Aber ihr habt euch entschieden, mein Blut zu vergießen..."

Darüber hinaus verlieh er seinem Hass gegenüber Reichen Ausdruck, indem er etwa Mercedes-Fahrer und Wodka-Trinker beschimpfte: "All eure Ausschweifungen waren nicht genug. Sie reichten nicht, eure hedonistischen Bedürfnisse zu befriedigen. Ihr hattet alles."

"Dank euch sterbe ich wie Jesus"
Der Südkoreaner erwähnt auch "Märtyrer wie Eric (Harris) und Dylan (Klebold)" - die Amokläufer des Massakers an der Columbine Highschool vor fast genau acht Jahren, die 13 Menschen und sich selbst töteten. Auch er selbst sah sich offenbar als Märtyrer: "Dank euch sterbe ich wie Jesus Christus, um Generationen schwacher und schutzloser Menschen zu inspirieren."

Gutachten bestätigte: Amokschütze Gefahr für andere
Wie US-Medien unterdessen berichteten, wurde Cho Seung-Hui 2005 von einem Sonderrichter des Staates Virginia für geistesgestört erklärt und im Dezember für kurze Zeit in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Der Sender CNN zitierte aus einem Gerichtspapier, in dem es heißt, Cho Seung-Hui stelle eine Gefahr für sich selbst dar.
Aufgeführt wird ferner die Feststellung eines Experten, der zufolge der junge Mann auch eine Gefahr für andere sei. Wie US-Medien berichteten, wurde Cho Seung-Hui dann aber nach weiteren Gutachten wieder aus der Klinik entlassen.