"wohnpartner-wien"

Die Streitschlichter im Gemeindebau

Eine halbe Million Wiener wohnt und lebt in einem der mehr als 2.300 Gemeindebauten der Donaumetropole. Allein in der städtischen Wohnhausanlage Am Schöpfwerk leben um die 4.000 Menschen Tür an Tür auf engem Raum. Dass es dabei zu Konflikten unter Nachbarn und Generationen kommen kann, ist selbstverständlich. Die Mitarbeiter des "wohnpartner"-Teams 5_6_7_12 versuchen in diesen Fällen zu vermitteln und Missverständnisse aus dem Weg zu räumen.

Die Bassena inmitten der riesigen Anlage am Schöpfwerk ist eine Institution. Seit 34 Jahren besteht dieses Nachbarschaftszentrum bereits und ist damit das älteste Österreichs. Bis 2015 war der Verein Wiener Jugendzentren Träger. Seit drei Jahren werden die Räume von der Serviceeinrichtung "wohnpartner" betreut, die sich aus der "Gebietsbetreuung für städtische Wohnhausanlagen" entwickelt hat. Die 150 Mitarbeiter in neuen Teams leisten sozialräumliche Gemeinwesenarbeit - sind für die Gemeindebau-Bewohner in Konfliktsituationen da und stellen ihnen konsumfreie Räume zur Verfügung, in denen sich die Menschen kennenlernen und ihre Freizeit verbringen können. "Die Bewohnerzentren sind Orte der Begegnung, die offen für alle sind. Bei uns gibt es keine Ausgrenzung", erzählt Teammanagerin Claudia Huemer im City4U-Talk in der Bassena.

#Eigene Nachbarn kennenlernen

"Wir wollen mit unserer Arbeit erreichen, dass sich möglichst viele Leute im Bau auch wirklich kennen. Das hilft in Konfliktsituationen und stärkt das subjektive Sicherheitsgefühl", erklärt Pressesprecher Martin Mikulik, der einige Jahre auch selbst aktiv als Fachlicher Mitarbeiter in den Bauten unterwegs war. Die Bassena am Schöpfwerk ist eines der Musterbespiele der Arbeit von "wohnpartner". "Wir haben 17.000 regelmäßige Besucher pro Jahr. Neben Bewerbungscoaching bieten wir eine Malgruppe, Lernhilfe, Koch- und Sprachgruppen an. Wichtig zu sagen ist, dass die Bewohner die meisten Aktivitäten selbst tragen und organisieren", beschreibt Vincent Wohinz. Der Konfliktmanager ist der Teamleiter des "wohnpartner"-Teams für die Bezirke 5., 6., 7. und 12. Viele Ideen für neue Projekte kommen von den Mietern selbst. "wohnpartner" stellt ihnen einen Raum zur Verfügung oder begleitet Kurse wie "Mama lernt Deutsch" mit Teammitgliedern.

#Herzlich Willkommen

Ein Herzstück ist das Projekt "Willkommen Nachbar". "Die Mieter kamen einmal mit dem Anliegen, dass sie nie wissen würden, wer wann wo einzieht. Daraufhin haben wir die Aktion 'Willkommen Nachbar' ins Leben gerufen. Hier werden sogenannte 'Begrüßer' ausgebildet, die die neuen Bewohner mit einer Tasse als Geschenk willkommen heißen. So entsteht ein Erstkontakt und die neuen Mieter haben auch gleich einen Ansprechpartner", erläutert Huemer. Bereits über hundert Personen sind in ganz Wien als "Begrüßer" unterwegs. Gerne werden aber auch weitere aufgenommen, die eine kleine Einschulung erhalten, wie man auf Leute zugeht und sich vorstellt.

#Im Geschehen

Ein weiteres Instrument ist das Projekt "wohnpartner unterwegs". Bis 23 Uhr macht sich ein Team aus Sozialarbeitern oder Mediatoren ein Bild von der Situation vor Ort. Sollte es einen Konflikt geben, versuchen sie zu vermitteln. "Der häufigste Streitpunkt ist Lärm. Jedoch nicht der klassische Partylärm, sondern spielende Kinder oder ein neuer Nachbar, der im Gegensatz zum vorigen Bewohner, laut ist", weiß Wohinz. Mithilfe von Mediation oder Einzelgesprächen sollen diese Konflikte aufgelöst werden. "Oft ist es einfach nur wichtig, miteinander zu reden und den Kern des Problems zu erkennen. Eine alte Dame hat sich einmal fürchterlich aufgeregt, weil der junge Mann über ihr jeden Abend gegen 23 Uhr mit den Füßen auf den Boden gestampft hat. Sie dachte, er wolle sie rausekeln. Wir gingen also zu ihm hinauf, um ihm das Anliegen der Dame zu erklären. Dabei stellte sich heraus, dass er ein altes Klappbett hatte, das er jeden Abend aufstellen musste. Das war der verursachte Lärm. Die Dame war sehr erleichtert. Mithilfe von Teppichen war das Bett leiser und das Problem erledigt", berichtet Wohinz.

#Aus Streit wird ein Projekt

Die ältere Dame und ihre junger Nachbar wurden zwar keine besten Freunde, jedoch pflegten sie einen korrekten Umgang miteinander. Dies ist beim Zusammenleben von vielen Menschen auf engem Raum essentiell. Die Idee zur Gründung des 1. Wiener Gemeindebauchors kam wiederum von Mieterinnen und Mietern, die dem "Sudern und Raunzen" etwas entgegen setzen wollten. Am Schöpfwerk waren die Bewohner vor Jahren enttäuscht, dass Silvester keine Feier mehr, sondern eine mutwillige Zerstörungsorgie war. Daraufhin gründeten Mieter die Silvestergruppe, die sich um ein friedliches Neujahrsfest bemüht, mit dem alte und junge Menschen sowie Tiere leben können. "Wenn man bedenkt, dass Am Schöpfwerk 5.000 Leute leben, ist es relativ friedlich. Die Bewohner haben sich untereinander viele Regeln ausgemacht, die von fast allen eingehalten werden. Natürlich sind die alle zufrieden, aber das ist ja auch normal", sagt der studierte Philosoph Wohinz.

#Kunst und Kultur

Der Gemeindebau ist aber auch ein Hort von Künstlern. Nicht nur der bekannte Schriftsteller und Schöpfer des "Kaisermühlen Blues", Ernst Hinterberger, zog seine Inspiration aus den städtischen Wohnhäusern, er lebte auch dort. Es gibt zum Beispiel Kulturveranstaltungen in einem Waschsalon. "Am Schöpfwerk haben wir eine Bewohnerin mit Sehbehinderung. Sie kommt regelmäßig im Rollstuhl mit ihrem Hund zur Malgruppe und erschafft beeindruckend schöne Bilder", zeigt sich Wohinz begeistert. Seit 1989 bringen die Mieter auch ihre eigene Zeitung heraus, die zwei Mal pro Jahr erscheint. Die Themen werden von den Bewohnern bestimmt und die Artikel von ihnen geschrieben. Finanziert wird das Blatt durch Werbeschaltungen aus dem Grätzel und der Politik. Nach Fertigstellung des "Schöpfwerkschimmel" wird persönlich an jeder Tür geklingelt um das fertige Werk an die Mieter zu übergeben.

#Nachbarschaftshilfe

"Viele Menschen kommen auch einfach zu uns, um mit jemanden zu reden, weil sie einsam sind", so Mikulik. Was er in diesem Beruf vor allem gelernt hat: "Es ist nie alles schwarz oder weiß. Jeder Konflikt ist anders und es gibt unterschiedlichen Sichtweisen. Es ist immer eine Herausforderung die Graubereiche zu finden." Das ist aber nötig um mithelfen zu können, Konflikte nachhaltig zu lösen. Denn wie nach jedem Ende ein Anfang steht, kann auch ein Streit in etwas produktives oder kreatives umgewandelt werden. So wie eben der 1. Wiener Gemeindebau-Chor, der neue Mitglieder jederzeit herzlich willkommen heißt.

Jänner 2018

Was meint ihr dazu? Postet uns in den Kommentaren oder schreibt uns mit Hashtag #City4U auf Facebook, Twitter oder Instagram!

Viktoria Graf
Viktoria Graf
Kommentar schreiben

Sie haben einen themenrelevanten Kommentar? Dann schreiben Sie hier Ihr Storyposting! Sie möchten mit anderen Usern Meinungen austauschen oder länger über ein Thema oder eine Story diskutieren? Dafür steht Ihnen jederzeit unser krone.at-Forum, eines der größten Internetforen Österreichs, zur Verfügung. Sowohl im Forum als auch bei Storypostings bitten wir Sie, unsere AGB und die Netiquette einzuhalten!
Diese Kommentarfunktion wird prä-moderiert. Eingehende Beiträge werden zunächst geprüft und anschließend veröffentlicht.

Kommentar schreiben
500 Zeichen frei
Kommentare
324

User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB).

Mehr