Skurriler Nebenjob

Bildungszwecke: Schauspieler täuschen Suizid vor

Wie erkläre ich einer Frau, dass sie an einer unheilbaren Krebserkrankung leidet? Wie überbringe ich dem Angehörigen die unerwartete Todesnachricht seiner Lebensgefährtin? Eine respektvolle und einfühlsame Gesprächsführung in besonders schwierigen Situationen müssen angehende Mediziner lernen. Damit dies nicht an "echten" Patienten geübt wird, gibt es an der MedUni Wien sogenannte Simulationspatienten - ein besonderer und besonders wichtiger Nebenjob. City4U hat mit drei von ihnen und der Leiterin des Programms gesprochen.

Wie führe ich ein Aufnahmegespräch mit Patienten? Wie rede ich mit einer Person nach einem Suizidversuch? Mit diesen Fragen werden angehende Mediziner im Laufe ihrer Ausbildung konfrontiert. Bevor der Arzt respektvoll und geschult mit den Patienten reden kann, muss er das als Student erst einmal lernen - dies tut er über mehrere Semester hinweg im Kommunikationsunterricht, in dem eine patientenzentrierte Gesprächsführung gelehrt wird. Die Simulationspatienten helfen dabei, die Kommunikationsfähigkeiten der angehenden Mediziner zu schulen und ihnen Gesprächstechniken zu vermitteln.

#Die Arbeit als Simulationspatient

Simulationspatienten sind professionelle Schauspieler, die dazu ausgebildet sind, Patienten-Rollen mit deren Krankheits- und Lebensgeschichten darzustellen. Dadurch werden keine realen Patienten belastet, was bei schwierigen Gesprächssituationen sehr wichtig ist. Doch wie sieht der Arbeitsalltag eines Simulationspatienten aus? "An typischen Tagen finden die Einsätze im Kommunikationsunterricht der Studierenden statt. Die Aufgabe der Simulationspatienten ist hierbei, im Gespräch mit den Studierenden den Patienten darzustellen und im Anschluss an das Gespräch ein Feedback zu geben", erklärt Mag. Eva Trappl, Leiterin des Simulationspatienten-Programms der Medizinischen Universität Wien, im Gespräch mit City4U. Auch Rollentrainings mit den Schauspiel- und Kommunikationstrainern finden statt.

#Die Schauspieler

Das Team besteht derzeit aus 38 Schauspielern im Alter von 30 bis 70 Jahren, sowie mehrerer Trainer und Assistenten. Das derzeitige Rollenrepertoire umfasst 22 verschiedene Patienten mit unterschiedlichen Krankheiten und Lebensgeschichten, darunter eine herzinfarktgefährdete Managerin, eine Patienten mit Leukämie, bei der nach erfolgreicher Chemotherapie die Erkrankung neu auftritt, alkoholkranke Menschen oder eine depressive Person nach einem Suizidversuch. "Die darzustellenden Figuren basieren, zumindest zum größten Teil, auf realen Fällen. Es macht einen schon sehr betroffen, wenn man darüber nachdenkt, dass es da draußen jemanden gibt, der eben tatsächlich dieses Problem hat", beschreibt Monika Schmatzberger, die als Simulationspatientin mithilft, die Studenten zu einfühlsamen Ärzten auszubilden.

#Krank spielen

Spannend und abwechslungsreich ist die Aufgabe auf jeden Fall, doch warum bewirbt man sich für diese Art von Nebenjob? "In meinem Fall ist es so, dass ich persönlich sehr schlechte Erfahrungen mit Ärzten machen musste und nun hoffe, auf diese Weise dazu beitragen zu können, dass künftige Ärzte nicht so unsensibel im Umgang mit Patienten und deren Angehörigen agieren, wie ich es erfahren musste", sagt Schmatzberger über ihre Beweggründe. Simulationspatient Peter Buchta sieht das so: "Ich denke, es sind Menschen die sowohl an der Medizin, als auch am Schauspiel interessiert sind. Die nicht das trennende Element darin suchen, sondern das verbindende darin sehen." Auch Irene Halenka ist schon mehrere Jahre als Schauspielerin für die MedUni Wien tätig und mag vor allem die Unmittelbarkeit, mit der sie erleben kann, was ihre Arbeit im positiven Sinn bewirkt. "Schlechtes habe ich noch nichts erlebt in dem Job", bekräftigt sie.

#Kaugummi und Suizidversuch

Skurille Erfahrungen macht man in diesem Nebenjob aber schon: "Ich hatte eine Krebspatientin darzustellen, der mitgeteilt werden musste, dass es medizinisch keinerlei Möglichkeiten mehr gibt, dass man mir nur mehr Palliativmaßnahmen anbieten kann, also mit einem Wort sterben muss und das hat mir die Studentin kaugummikauend mitgeteilt", erzählt Monika Schmatzberger betroffen. Genau aus diesem Grund sind Simulationspatienten so wichtig. Durch das Feedback, das Schmatzberger ihr daraufhin gegeben hat, hat sie gelernt, dass man so eine einschneidende Nachricht mit mehr Respekt und Würde überbringen sollte. Einen besonderen Moment erlebte auch Irene Halenka: "Als ich im Zuge von Recherche-Arbeiten für eine Rolle als Simulationspatient eine Stunde lang am Bahnsteig der U4 saß und versuchte, mich in jemanden einzufühlen, der kurz davor steht, Selbstmord zu begehen. In so einer Situation schießt mir dann manchmal der Gedanke durch den Kopf: 'Interessant, was für Möglichkeiten es gibt, sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen'."

#Nicht immer leicht

Die Rollenspiele sind nicht nur für die Studenten eine Herausforderung. Auch die Schauspieler bereiten sich über längere Zeit auf die vor. Es gibt regelmäßige Trainingseinheiten die verpflichtend zu absolvieren sind, um neue Rollen zu erlernen. "Das wirklich schwierige und somit die größte Herausforderung an der Sache ist, dass man, während man die Figur spielt, den Studenten genau beobachten muss, sich Redewendungen, Körperhaltung und mehr merken muss, um im Anschluss ein Feedback mit konkreten Ansatzpunkten geben zu können", weiß Schmatzberger. "Das Gute an dem Job ist, dass wir angehende Mediziner auf schwierige Situationen vorbereiten, ohne dass jemand Schaden erleidet. Denn an einem Schauspieler kann man üben und auch wenn das Gespräch nicht optimal verläuft, so lernt der Student eben am Negativbeispiel und es tut niemanden weg."

#Nah an der Realität

Obwohl das Simulationspatienten-Programm seit dem Studienjahr 2010/11 besteht, sehen es noch manche angehenden Mediziner kritisch. "Einmal hat mir ein Student im Anschluss gestanden, dass er das ganze Gespräch mit einem Schauspieler zuvor nicht ernst genommen hat, ja geradezu lächerlich gefunden hat. Währenddessen hat er aber festgestellt, dass die Situation schon sehr realistisch war und er das Gefühl bekommen hat, es wirklich mit einem Patienten zu tun zu haben", erinnert sich Schmatzberger. Diese Erfahrung hat auch Irene Halenka schon gemacht: "Ich freue mich immer, wenn ich von Studierenden und Vortragenden angesprochen werde und mir ein gutes Feedback bezüglich meiner Arbeit gegeben wird - oft auch Wochen oder Monate später. Das zeigt mir, dass nicht nur ich von meiner Aufgabe begeistert bin, sondern dass meine Arbeit auch wirklich Sinn macht."

#Bedingung: Schauspieler

Einmal pro Jahr werden Stellen als Simulationspatienten ausgeschrieben, an die 100 Bewerber melden sich dann. "Für diesen Job muss man Interesse, mit Lernenden und Lehrenden zu arbeiten, mitbringen. Weiters die Bereitschaft zur Selbstreflexion und persönlichen Weiterentwicklung. Belastbar, zuverlässig und teamfähig sollte man ebenfalls sein", erläutert Mag. Eva Trappl, die das Programm seit 2013 leitet. Eine weitere Bedingung: Man muss eine abgeschlossene Schauspielausbildung vorweisen. Die Verdienstmöglichkeiten liegen bei etwa 450 Euro pro Monat für ein paar Unterrichtseinheiten und Trainings. Geld ist jedoch nicht der alleinige Lohn: "Das Beste ist, dass ich immer neue Erfahrungen machen kann, weil die Studenten natürlich immer ganz unterschiedlich agieren und die Reaktionen dadurch auch so vielfältig sind. Außerdem kann man Studenten bei ihrer Ausbildung zum Mediziner behilflich sein und dabei selber viel lernen", findet Peter Buchta.

Dezember 2017

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Viktoria Graf
Viktoria Graf

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