Di, 23. April 2019
05.12.2017 19:26

IOC greift durch

Olympia-Bombe: Russland ausgeschlossen

Das ist eine regelrechte Sport-Bombe: Das Russische Olympische Komitee wurde von den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang als Folge des Dopingskandals ausgeschlossen. Die Entscheidung traf das IOC am Dienstagabend in Lausanne. Das ist beispiellos in der Geschichte des Sports. Russlands Vizepremier Vladimir Mutko wurde zudem lebenslang von den Olympischen Spielen gesperrt.

Das IOC reagierte mit diesem drastischen Schritt auf das "staatlich gelenkte" russische Dopingsystem, das WADA-Chefermittler Richard Mclaren in seinen Berichten beschrieb, und das in den letzten Monaten nicht glaubhaft widerlegt werden konnte.

"Lebenslang" für Mutko
Nur nachweislich saubere Athleten dürfen "unter strikten Konditionen" unter der neutralen olympischen Flagge starten. So bleibt Russland zumindest ein Komplett-Ausschluss erspart. Jedoch ist fraglich, wie viele russische Aktive diese Möglichkeit wahrnehmen werden. Russlands Vizepremier Vladimir Mutko, aktuell Chef des russischen Fußball-Verbandes und WM-Organisationschef, wurde zudem für alle zukünftigen Olympischen Spiele ausgeschlossen. Das IOC hat auch entschieden, ROC-Präsident Alexander Schukow als IOC-Mitglied zu suspendieren.

Das IOC bestrafte damit das mutmaßlich staatlich orchestrierte Dopingsystem in Russland, das bei den Winterspielen in Sotschi vor vier Jahren seinen Höhepunkt erfahren hatte. Mit Hilfe des Geheimdienstes sollen zahlreiche Dopingproben von russischen Sportlern ausgetauscht worden sein.

Systematisches Doping
Zwei Whistleblower und zwei Anwälte hatten das flächendeckende, staatlich unterstützte Doping in Russland und die Manipulationen bei den Winterspielen 2014 in Sotschi aufgedeckt. Ohne die russischen Kronzeugen Julia Stepanowa und Grigori Rodschenkow sowie die Ermittlungen der Juristen Richard Pound und Richard McLaren (unten) wäre der Betrug in der Sportgroßmacht nicht ans Tageslicht gekommen.

"Das Quartett hätte den höchsten Orden und mehr Wertschätzung vom Internationalen Olympischen Komitees verdient", meinte der deutsche Anti-Doping-Experte Clemens Prokop. Mit ihrem Einsatz hätten die Vier - trotz aller Anfeindungen aus Russland - einen hohen Maßstab in puncto "Glaubwürdigkeit und Ehrlichkeit im Sport" gesetzt.

In der ARD-Dokumentation "Geheimsache Doping - Wie Russland seine Sieger macht" schilderte im Dezember 2014 die Ex-Weltklasseläuferin Julia Stepanowa das systematische Doping in der Leichtathletik ihres Landes. Damit gab sie die Initialzündung für Ermittlungen der Welt-Anti-Doping-Agentur in Russland, die offenbarten, dass das Sportsystem auf Betrügereien aufgebaut war.

Nur Spitze des Eisbergs?
Auf die Frage, ob die Ergebnisse der Untersuchung zur Leichtathletik nur die Spitze eines Eisbergs sein könnten, entgegnete WADA-Ermittler Pound bei der Präsentation seines schon schockierenden Reports: "Ich fürchte, Sie haben recht." Neben ihm saß Richard McLaren, der dabei den ersten Blick in den russischen Doping-Abgrund werfen konnte. Der Pound-Bericht veranlasste den Weltverband IAAF, Russlands nationalen Leichtathletik-Verband zu suspendieren und von den Olympischen Spielen 2016 in Rio auszuschließen. Die Sperre ist bis heute nicht aufgehoben worden.

So konsequent reagierte das IOC nicht auf den danach folgenden ersten McLaren-Report über ein System von Staatsdoping in Russland von 2011 bis 2016, in dem auch über Austausch und Manipulation von Doping-Proben eigener Athleten im Analyselabor der Winterspiele 2014 in Sotschi berichtet wurde. Das IOC verzichtete auf einen kompletten Bann der Russen von den Rio-Spielen.

WADA-Sonderermittler McLaren profitierte auch vom Insiderwissen Rodschenkows. Der Chemiker war von 2006 bis 2015 Leiter des Moskauer Labors und eine der Schlüsselfiguren des Dopings in seinem Land. Rund 1.000 russische Athleten sollen selbst gedopt oder von der Doping-Verschleierung durch den Staat profitiert haben, berichtete McLaren.

Im Mai 2016 ausgepackt
Ausgepackt hatte Rodschenkow zunächst im Mai 2016 in der "New York Times". Außerdem war er zentrale Figur der Dokumentation "Icarus". Rodschenkow und auch Stepanowa mussten nach ihren Enthüllungen Russland verlassen, weil sie sich dort nicht mehr sicher fühlten. Stepanowa und ihr Mann Witali wurden als Verräter beschimpft.

"Wenn uns etwas passiert, sollten Sie alle wissen, dass dies kein Unfall war", sagte Stepanowa nach ihrer Flucht. Bei den Rio-Spielen wurde der ehemaligen Dopingsünderin der Olympia-Start verweigert, inzwischen wird sie vom IOC finanziell unterstützt.

Rodschenko, den Russlands Präsident Wladimir Putin als "Mann mit einem skandalösen Ruf" bezeichnete, lebt in den USA unter Zeugenschutz. Die kanadischen WADA-Ermittler McLaren und Pound wurden aus Russland als Verräter oder Idioten beschimpft - und der Wahrheitsgehalt ihrer Berichte wird bis heute geleugnet.

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